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Ein Spiel, wie eine Liebeserklärung an die Regionalliga

Am Samstag, den 24. September 2016, gastierte der Bonner SC beim Regionalligisten Sportfreunde Siegen im Leimbachstadion. Eine Chronologie eines Regionalligaspieltages voller Kuriositäten und einer Kurve, die eine nazifreie bleibt. 

Meine erste Begegnung mit dem „professionellen“ Fußball bescherte mir im Jahr 2005 der Aufsteiger in die 2. Liga: die Sportfreunde Siegen im Spiel gegen den TSV 1860 München, dem ich heute noch viel mehr Abneigung entgegen bringe, als ich es damals als 10jährige überhaupt gekonnt hätte. Die Sportfreunde hingegen blieben der „Heimatverein“, ich muss zugeben und mich schuldig bekennen, eher in den guten Zeiten hingegangen zu sein, doch spätestens, als ich auch anfing viel mit dem FC St. Pauli unterwegs zu sein, zog es mich immer wieder zum lokalen Verein, durch die Oberligasaison hindurch bis nun auch wieder in die Regionalliga West. Und der heutige Spieltag, der war einer, den man einfach festhalten muss. Irgendwo zwischen Absurdistan und Waszurhöllehausen lag nämlich heute das wunderschöne Siegerland und in ihm das charmante Leimbachstadion. Jedenfalls charmant, wenn man auf Darmstädter Böllenfalltor-Atmosphäre steht. Und das tun wir.

Es ist ein Samstag, näher am Oktober denn am Sommer und dennoch brennt die Sonne vom Himmel, als wolle sie uns allen noch ein letztes Mal ordentlich einheizen, bevor die dunkle Jahreszeit endgültig anbricht. 14 Uhr Anstoßzeit erlaubt einen gemütlichen Morgen und die gegebenen Umstände in der Regionalliga eine noch viel entspanntere Anreise. Das Auto geparkt, zu Fuß am Waldrand mit dem Stadion zur Linken zum Eingang schlendern und noch schnell das Ticket für sechs Euro kaufen. Hinein, ohne Kontrollen, ohne schellende Ansagen, einfach ein ganz entspannter Fußballsamstag. Regionalligasamstach.

Es gibt keine Schlange am Bratwurststand, zu dritt stehen wir dort und können wählen zwischen einer Krakauer oder einer normalen Bratwurst. Vegetarier schauen hier eher in die Röhre. Die Rondellbelegschaft hat gut zu tun, eine komplette Gegengerade zu versorgen, doch auch das geht heute flott. In der üblichen Belegschaft nehmen wir den Stammplatz ein, der sich herrlich vertraut in einem Stadion anfühlt, in dem man sich zwar heimisch, aber dennoch nicht so zuhause fühlt, wie in denen unserer Erstvereine. Die Sportfreunde bleiben der kleinere Verein in den Herzen der dreien, die sich hier in der Sonne einfinden und auf ein … nun ja, Aufsteigergekicke einstellen. Es wird sich entspannt auf die Stufen gesetzt, die Bratwurst verkrümelt und gequatscht, über all das, was sonst im Stadion für uns wohl keinen Platz findet. Wir witzeln, sind entspannt. Es fehlt angenehmerweise dieses „Wir müssen gewinnen, um jeden Preis!“-Gefühl.

Zu unserer Rechten steht eine Gruppe Senioren, die scheinbar einen Ausflug macht und wohl zum Großteil länger nicht mehr bei den Sportfreunden war. Zu unserer Linken, etwas weiter entfernt als sonst, die Ultràs, die Turnschuhcrew. Mit einem Banner fordern sie zum Mitsingen auf, denn wer nur zuschaue und auf den Wandel warte, der würde nun mal auch nichts ändern. Es gibt eine gute handvoll junge Frauen, die ihren Weg zwischen die oberkörperfreien Männer gefunden haben, und die genauso wie ihre männlichen Pendants immer da sind. Mich freut diese Entwicklung, gerade beim Blick in den Gästeblock.

Dort sammeln sich die Fans des Bonner SC. Im Gästeblock, der auch nicht immer offen ist, in einer Liga der Zweitvertretungen und gescheiterten „Eigentlich gehören die doch in die erste Liga!!“-Vereine. Es gibt eine Gruppe, ebenfalls natürlich oberkörperfreier, Männer, dich sich zu einem Supportblock formiert haben, daneben ein paar zerstreute Grüppchen, über den restlichen Block verteilt. Der Bonner SC, ebenfalls ein Aufsteiger in der Regionalliga, scheint hauptsächlich männliche Fans mitgebracht zu haben, was im späteren Verlauf noch für einige Lacher bei uns sorgen wird.

Überall herrscht heitere Stimmung. Dennoch ist man ein wenig enttäuscht, hätte man doch bei solch herrlichem Wetter und einem Spiel am Samstagmittag mit mehr Leuten gerechnet, als die 1138, die es nachher wohl tatsächlich waren. Das Leimbachstadion besticht mit seinem brachialen achtziger Jahre Charme, lässt uns auf der Gegengerade ein weiteres Mal die Sonne anbeten. Über die komplette Breite der Gerade und der Kurve gegenüber des Gästeblocks verteilen sich, mal enger, mal weiter auseinander, Grüppchen von Leuten, die heute wohl nicht viel erwarteten.

Mit den ersten Tönen der vertrauten „Prematch“-Musik, die passenderweise lange Teil meiner Workoutplaylist war, und schließlich von der weniger schönen der zwei Hymnen, kommt Bewegung auf die Gerade: Die vorher noch sitzenden erheben sich und wer vorher in Gespräche vertieft war, richtet nun den Blick auf die Mannen, die dort unten auf dem Grün einlaufen und sich auf das Spiel einschwören.

Immerhin gibt es dieses Mal von den Gästen etwas zu hören, dank der Spielpläne der Erstvereine planen wir ja nun zumeist um diese Termine herum und hatten mit den Zweitvertretungen zuletzt ja eher wenig Stimmung von den Gästen mitbekommen. Die Freude darüber weicht allerdings schnell der Ernüchterung, ob dem, was sie da von sich geben. Schmähgesänge, auf die von Heimseite gar nicht erst eingegangen wird, ziehen sich durch den kompletten Spielverlauf. Die Siegener antworten mit umso lauterem Support der eigenen Mannschaft.

Die ersten zwanzig Minuten braucht die junge Mannschaft, um sich ein wenig in das Spiel einzufinden, doch die Spielzüge sehen vielversprechend aus und scheitern oft nur um wenige Zentimeter oder eine Fußbreite kurz vor dem Netz. Es geht viel nach vorn, das Spiel läuft flott vor sich hin und wir, die wir die letzten Spiele nicht gesehen haben, sind erfreulich überrascht, was die Sportfreunde da auf den Platz bringen. Waren die Bonner vielleicht die erste Viertelstunde deutlich überlegen, so spielen nun die Männer in Rot ordentlich auf und verpassen nur, den Ball auch wirklich im Netz zu versenken.

Rot ist da dann auch das passende Stichwort: In einem „Zweikampf“ gegen Torhüter Baumann nimmt Sobiech vom Bonner SC den Ellenbogen etwas zu offensichtlich zur Hilfe und darf sich daraufhin die restliche Spielzeit von der Tribüne aus anschauen. Verleiht es nun erst mal Mut, in Überzahl zu sein, können die Sportfreunde zumindest in der ersten Hälfte noch nichts daraus machen: Sie spielen weiter couragiert nach vorne und verteidigen die konterstarken Bonner recht sicher.

Während das Geschehen auf dem Spielfeld durchaus vielversprechend ist, besticht die Stimmung auf den Tribünen durch klassisches Regionalligaflair: Es wird gepöbelt, was das Zeug hält – ob nun vom rüstigen Rentner, der vermutlich schon hier stand, als unsere Eltern nicht mal geboren waren, vom Bankier, der nach Feierabend schnell ins Stadion zog oder eben den Ultras, die sich lautstark Gehör verschaffen. Ein herrliches Aufeinandertreffen zweier dieser Gruppen wird von einer nicht ganz einheitlich gesehenen Abseitsentscheidung provoziert: Von links stürmt ein wutentbrannter Ultra in Richtung der Absperrung und teilt dem Linienrichter nachdrücklich seinen Unmut über die gepfiffene Entscheidung mit. Das wiederum provoziert einen RR, rüstigen Rentner, dazu, die Stufen halbwegs sicher in einem Mittelding zwischen Gehen und Trab hinunter zu hechten und den Ultra zu bepöbeln, dass er gefälligst nicht den Schiri anzupöbeln habe. Getrieben von der Gruppendynamik eilen dem Ultra natürlich seine Kumpanen zur Hilfe, ohne jedoch damit gerechnet zu haben, dass auch der Senior durchaus Rückhalt in seiner Gruppe erfährt. Nun bepöbeln sich munter zwei Fangruppen des gleichen Vereins untereinander, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Natürlich sehr zur Belustigung aller Umstehenden. Mit einem gegenseitigen „Geht zurück dahin, wo ihr hingehört!“ (was hier definitiv den Stehplatz im Block meinte) löst sich die Truppe schließlich wieder auf und das Spielgeschehen tritt zurück in den Vordergrund. Alle verrückt in der Regionalliga.

Dass wir hier in der Regionalliga sind, schützt uns allerdings auch nicht vor diesen grausigen „Wir müssen irgendwie die 15 Minuten Pause um kriegen!“-Halbzeit-Spielen, die sich hier halt nur etwas einfacher gestalten: Ein Ball wird auf die Gerade geschossen, wer ihn fängt, darf dreimal gegen einen zweiten Teilnehmer auf Minitore schießen und gewinnt irgendwas vom lokalen Elektromarkt. Soweit die Theorie. In der Praxis bekommt eine der Damen aus der Seniorenausflugsgruppe den Ball voller Wucht an den Kopf und gefangen wird er von jemand anderem, der auch zum Spiel antritt und deutlich mit 3 zu 0 gegen seinen Kontrahenten gewinnt. Soweit alles normal. Als er dann jedoch die Stufen zu der Dame hinauf stapft, um ihr den soeben gewonnenen Preis ganz gentlemanlike zu überlassen, klatscht die halbe Gegengerade für diese sehr feine Aktion – jedenfalls die Hälfte, die es mitbekommen hat. Ganz großes Tennis!

Und wer nun denkt, dass die Halbzeit dann ja wenigstens nicht langweilig war, dem sei gesagt: Das ist nicht alles! Hinter uns, ziemlich genau sogar, bricht eine Art Tumult aus. Die Köpfe wenden sich um und erblicken zwei, die gerade im Begriff sind, sich zu prügeln. Die Zeit reicht gerade noch aus, festzustellen, wer die beiden Kontrahenten sind, bevor die Prügelei dann tatsächlich ihren Lauf nimmt – unter munteren Beschimpfungen der Seniorengruppe, die einfach nicht mitbekommen will, dass der Auslöser definitiv der in Siegen nun mal sehr starken Neonazi-Szene zuzuordnen und nicht alleine unterwegs ist, sondern viel lieber die Störenfriede „Ultra“ als ihr erneut zu bepöbelndes Ziel auswählen. Es ist ein kurzes Intermezzo, die Ultras eilen ihrem Kumpanen zur Hilfe während die Polizisten genauso hilflos mit verschränkten Armen neben dem Geschehen stehen, wie die beiden Ordnerdamen, die zusammen vielleicht so viel auf die Waage brachten, wie der Störenfried alleine. Im Endeffekt ist es aber genau das Richtige: Die Ultras entfernen die offen als solche erkennbaren Nazis unter lauten und geschlossenen „Nazis raus!“ Rufen aus dem Block und sorgen gemeinsam dafür, dass sie auch wirklich dem Block fern bleiben.

Für mich war die hiesige Ultragruppierung bis dahin als maximal unpolitisch im Denken verankert, doch dass sie mit solcher Vehemenz und diesem Nachdruck wirklich gegen die rechten Umtriebe im eigenen Vereinsumfeld vorgehen, ließen sie in meiner Sympathie unaufhaltsam steigen. Respekt, Turnschuhcrew! Diesen Einsatz würde man sich von weit mehr Szenen wünschen.

Während sich die Bonner nun vermutlich gern weiter über das Geschehen auf der Gegengerade lustig gemacht hätten, amüsierten sie eher uns, denn das was wohl als „Sportclub!“ aus ihrem Gästeblock gerufen wird, kommt bei uns, gemäß dem vorhin erwähnten Geschlechterverhältnis, eher als „Boygroup!“ an. Da wir nun mal leicht zu erheitern sind, haben wir da eine ganze Weile unseren Spaß dran und als der gerade abzuflauen droht, schießen die Sportfreunde aus dem Nichts das Tor, das so lange erwartet wurde.

Mit einem „Take That!“ in Richtung der Boygroup eskaliert unser Grüppchen. Mit einer Führung hatten wir nun wirklich nicht so ernsthaft gerechnet, auch wenn die Spielanlage der Siegener deutlich vielversprechender aussah, als die der Bonner zu dem Zeitpunkt. Nun wäre es allerdings nicht ein typisches Spiel, finge man sich nicht relativ zeitnah direkt den Ausgleich. Die 2:0 Führung war zwar definitiv griffiger gewesen, doch das hindert natürlich die Bonner nicht daran, mit einem sauberen Angriff den Ausgleich zu erzielen. Ernüchterung macht sich breit. Noch ein Tor? Nun ja, es war noch Zeit.

Und während die Sportfreunde weiter forsch nach vorn spielten, unterläuft Keeper Baumann ein Schnitzer, der nun mal in solchen Spielen knallhart bestraft wird: Waren die Siegener vorher näher an einer erneuten Führung dran, so übernehmen dies nun die Bonner – mit einer Vorlage vom gegnerischen Torwart.

Mit diesem Führungstor in Minute 72 traten dann tatsächlich einige den Heimweg an. Ich pöbele munter vor mich hin, dass Frühergehen in der Regionalliga genauso scheiße ist, wie bei einem 7:0 der Bayern, unterdessen setzt das Geschehen auf dem Grün zum Höhepunkt dieser … absurden Partie an: Der Schiedsrichter sieht sich gezwungen, einem Spieler die gelbe Karte zu geben – und tut dies wörtlich. Erst nach einigen Sekunden prusten wir los, als der Spieler dem Schiedsrichter die Gelbe Karte wieder zurück gibt und wir vermutlich in diesem Moment, das absurdeste des kompletten Tages bezeugt hatten. Ein Schiri, der die gelben Karten tatsächlich abgibt, erklärt auf jeden Fall, warum sie immer mehrere in der Tasche haben.

Ein Spiel voller Kuriositäten hat allerdings auch einen Vorteil: Es ist verdammt nochmal alles möglich. Und so passiert es genau so, wie die bereits „Auswärtssieg!“ skandierenden Bonner es verdient haben: Während sogar die Siegener Ultras schon anfangen, ihre sieben Sachen zusammen zu suchen, erzielt der eingewechselte Jakub Jarecki in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich für die Sportfreunde. Eskalation pur auf der Gerade, Gepöbel in Richtung des Gästeblocks und heiteres Gelächter machen sich breit – über die Bonner, die den Sieg schon besungen hatten, über die Pfeifen, die immer meinen früher gehen zu müssen und solche Spielausgänge dann gerechtermaßen verpassen und natürlich über einen Regionalligasamstach, der mit Kuriosem, Richtigem und super Atmosphäre nicht zu geizen wusste.

Und die Moral von der Geschicht? Einen Besuch der Regionalligisten bereut man nicht. Geht hin, gebt euch die kuriosen Geschichten, die oberhalb der Kreisliga eben nur die Regionalliga zu schreiben weiß und habt genauso viel Spaß wie wir. Und wenn ihr schon dabei seid, dann sorgt auch dafür, dass die Kurve frei von solchen Pfosten bleibt, die auch heute ihre Grenzen aufgezeigt bekommen haben. Nazis raus!

#supportyourlocalregionalligateam

 

 

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