Archiv der Kategorie: Politically incorrect.

„Ich kotz im Kreis.“

Es ist 2:43 Uhr hier, als ich anfange diesen Text zu schreiben. Was zur Hölle mag mich nach ein paar Bier dazu bewegen um diese Uhrzeit irgendwas zu schreiben? Bei mir kann das eigentlich nur eines sein, und zwar etwas, das mir sehr nahe geht und mich keinen Schlaf finden lässt. 

Ich steigere mich des Öfteren in Sachen, Situationen und Menschen hinein. Für mich gibt es eigentlich nur ein „Ganz oder gar nicht“. Entweder ich stehe vollkommen hinter etwas, oder ich brüste mich nicht damit, überhaupt, dahinter zu stehen.

Es gibt allerdings gewisse Themen, die für mich, jedenfalls solange ich rational denken konnte, keine Abweichungen zur Seite erlaubten. Das sind unter anderem die des Anti-Rassismus, des Aufstehens gegen Homophobie, gegen Antisemitismus und gegen Faschismus. Das mag ich nicht immer in dem Maße getan haben, wie ich es heute tue, doch gerade die Verbundenheit zum Fußball, zu „meinem“ FC St. Pauli haben mich in den letzten Jahren gerade in diesen Bereichen mutiger werden lassen.

Habe ich vorher vielleicht innerlich zusammen gezuckt, wenn spezielle Äußerungen oder Anfeindungen fielen, so lernte ich in den letzten Jahren aufzustehen. Die Diskussion zu suchen. Gegen zu halten. Gerade der Punkt der Suche nach einer Diskussion ist jedoch problematisch –  versucht man das mit einem eingefleischten Antisemit wird man wohl kaum mehr als leere Parolen und weitere Schmähsätze zu hören bekommen, weil es schlicht keine sinnvolle Begründung für den Antisemitismus gibt.

Aber ich habe gelernt, dagegen zu halten und laut zu sein, wenn es darum geht. Und dennoch ist es immer wieder schwer. Wozu soll eine Diskussion führen, wenn sie nur auf dummen Vorurteilen und uralten Hetzen beruht? Wie soll man jemanden zur Vernunft bringen, dem der Hass so tief im Fleisch sitzt, dass er nicht mal die Mühe aufbringen mag, um „nachvollziehbare“ Gründe für ihn zu suchen? Oder zumindest jene, die nicht auf den ersten Blick bereits vollkommen hirnrissig wirken?

Für mich jedes Mal wieder eine Herausforderung. Und besonders dann, wenn man zeitgleich noch versucht, deeskalierend zu wirken. Deeskalierend? In welcher Hinsicht? Mir mag innerlich zum Erbrechen zumute sein, doch ich möchte nicht anderen den Abend verderben. Würde am liebsten alleine den Ansatz suchen, mit dem Betroffenen zu diskutieren. Ihn vielleicht in Ruhe und nicht unter dem beobachtenden Blick aller zur Raison zu bringen. Doch das ist selten möglich.

Ich weiß manchmal nicht, wie ich reagieren soll und genau in so einer Situation fand ich mich heute mehrfach. Es war ein lockerer Abend, nette Menschen, die alle – oder zum Großteil jedenfalls – meine Ansicht in Bezug auf oben genannten Themen teilen, und eben diese eine Person, die es nicht tut. Manche, die eben mehr oder weniger aufzustehen wissen, wenn es darauf ankommt.

Doch diese eine Person, die welche Weltanschauung auch immer vertreten mag, kann einen solchen Abend vollkommen auf die Waage stellen. Es beginnt vielleicht harmlos, mit Sprüchen, die in bestimmte Richtungen zielen, aber genauso gut auf andere gedeutet werden könnten – Momente in denen manche vielleicht zusammen zucken, inklusive mir, während andere sich nichts dabei denken. Dann werden die Spitzen härter, man kann irgendwann nicht mehr schön reden, in welche Richtungen sie zielen und schließlich wird es einem Menschen reichen, der einschreitet und mit einem lauten „HALT“ auf der Stirn, die Wogen zu glätten versucht.

Für mich war das heute nicht eine Person, sondern beinahe alle. Sei es nun, dass man äußert, dass man solche Hetze in diesem Kreis nicht hören will oder vielleicht sogar die Diskussion sucht, die zumeist relativ schnell verebbt – jemand wird einschreiten. Vielleicht sogar eine Person, von der man es nicht in erster Linie erwarten würde. Doch damit ist es nicht getan. Ein erster Aufschrei – mehr nicht.

Doch dieser Aufschrei ist wichtig. Er verhilft den anderen Umstehenden, Zuhörenden, Verschrockenen dazu, selbst den Mut zu finden, dagegen zu sprechen. Egal um welche Umstände es sich handelt. Wenn einer erst einmal den Mut fand, zu äußern, was er von solcher Hetze hält, dann werden es andere auch tun. Vielleicht lautstark, vielleicht aber auch schweigend auf andere, nicht weniger wertvolle, Art.

Es hat für mich persönlich lange gedauert, um überhaupt in solche Situationen zu gelangen, doch gerade durch die Verbundenheit zu „meinem Herzensverein“ wurde ich in dieser Hinsicht wohl sensibilisiert. Sprichwörter oder Redensarten, bei denen ich mir früher nie etwas dachte, lassen mich heute zusammenzucken und gehören in die Sparte, die ich nie selbst in den Mund nehmen würde. Ich bin mutiger geworden, wenn es darum geht, gegen solche faschistischen, rassistischen, antisemitischen oder homophoben Kommentare aufzustehen und die Diskussion zu suchen in der es so weit geht, dass sie eben nicht mehr weiter wissen.

Und dennoch gibt es Situationen wie heute, in denen ich mir einfach nicht zu helfen weiß. Man sitzt zusammen, in gemütlicher Runde, niemand etwas ahnend und irgendwann fängt dann dieses eine Individuum an, Kommentare zu machen, deren Absicht, Herkunft und Ziel nicht zu verleugnen sind. Man steht auf, sucht die Diskussion, führt die Redner vor und dreht ihnen einen Strick aus allem, was sie weiter sagen – und dennoch hilft es alles nichts: mit einem „aber ist doch so!“ wird alles zerschlagen.

Es kann eine Person sein, die den Mut fand, den Unmut darüber zu veräußern. Und andere fielen mit ein. Es kann von vornherein die ganze Gruppe sein, die sich gegen dieses eine querdenkende Individuum stellt und dennoch wird es zu nichts führen. Selten fühlte ich eine solche Frustration wie nach so einer Diskussion, deren Ende mit einem Satz alle Bemühungen, alle nachvollziehbaren Argumentationen, jeglichen Sinn zerschlug.

Ich twitterte nachdem diese Situation gleich zweimal an einem Abend aufgekommen war, folgendes:

Stimmungslage: Ich bin leider zu klein, um mich mit antisemitischen Vollidioten zu prügeln. Verbales Duell hilft nix mehr. Kackscheiße da. 

Ein Ausdruck meiner Frustration. Den ganzen Abend über argumentierte man immer wieder, doch welchen Sinn sollte das haben? Diese beschränkten Ansichten konnte man dem Betroffenen ja doch nicht ausreden, auch wenn man es immer wieder versuchte. Immer und immer wieder schaffte er es, die komplette Diskussion mit einem verallgemeinernden, hasserfüllten und so unbegründeten Satz wieder alles zunichte zu machen.

Es war ein Kampf gegen Windmühlen. Immer wieder attackierte man und doch würde man nicht eine leiseste Chance zum Sieg haben. Doch wieder und wieder stand man auf und hielt dagegen. Weil man muss. Weil diese rassistische Kackscheiße einfach nicht zu tolerieren ist. Weil ich sie nicht tolerieren kann.

Und am Ende des Abends weiß ich nicht einmal mehr, wie oft ich „Ich kotz im Kreis“ von mir gegeben habe. Wie oft ich angerannt bin und wie oft ich dabei meine Freunde an meiner Seite wusste. Wie oft mir so schlecht vor Ekel wurde, dass ich mir doch wünschte, einmal Raucher zu sein und nach draußen verschwinden zu können.

Ich frage mich dann, wie ich jemanden anders zur Vernunft bringen kann. Aber ich bin leider zu klein um mich mit antisemitischen Vollidioten zu prügeln. Also werde ich weiter aufstehen. Ich werde weiterhin laut sein. Und ich weiß, dass ich meine Freunde in diesem Kampf an meiner Seite finden werde.

Sei bunt. Sei laut. Sei mutig.

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