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Couchgepöbel International Vol.2

Eine Reise nach Südamerika – so ganz ohne Fußball? Das geht doch gar nicht und nicht zuletzt, weil es in Südamerikas Großstädten an jeder Ecke Käfigplätze mit Betonboden und kaum einem unbelebten Eckchen gibt, auf dem kein Fußball gespielt wird oder das Trikot des Nationalmannschaftshelden ein absolut taugliches Kleidungsstück für alle – und damit meine ich auch alle! – Anlässe ist. Eine Reise auf dieses Fleckchen Erde ohne dem Fußball zu begegnen ist nicht zuletzt für Fußballmenschen schlicht nicht möglich. Und so wundert es nicht gerade, dass es mich, trotz aller Befürchtungen, bei meinem zweiten Besuch auf dem südlichen Teil des Kontinents mal wieder in ein Stadion verschlagen hat. Es geht einfach nicht ohne.
Mich verschlug es zu einem Zeitpunkt nach Kolumbien, in dem das normale Ligageschehen schon längst durch war: Hier geht es nämlich nach einem klassischen Ligasystem und schließlich über Playoffs zum Titel des Landesmeisters, und zu meiner Ankunft in Bogotá fand sich dort kein Spiel mehr, das zum Aufenthalt in der Stadt passte und tatsächlich zu besuchen wäre. Nahezu enttäuscht schrieb ich das Ganze weitgehend ab – bis zu unserem letzten Stop in Medellín. Dort hing auf einmal die zweite Austragung einer Begegnung in der Luft, das statt einer Verlängerung oder Elfmeterschießen angesetzt wird, wenn eines der Playoffspiele unentschieden bleibt.
Ich musste glücklicherweise nicht allzu viel Überzeugungsarbeit bei der Truppe leisten, spielte meine primäre Reisebegleitung doch selbst lange (und auch in Kolumbien noch) Fußball und der Kanadier im Bunde war ein dermaßenes Sport-As, dass es auch dort nicht vieler Worte der Überredung bedurfte, bis wir uns – samt dem Rest des Hostels, jedenfalls gefühlt (btw, Schleichwerbung: The Black Sheep @ Medellín ist beste! Happy Buddha geht sonst auch) – die Karten besorgten.
Das Spiel an sich war nun, wie gesagt, die zweite Austragung der Begegnung von Atletico Nacional aus Medellín und Independiente Santa Fé aus Bogotá – das Halbfinale um den Pott der Landesmeister. Bei diesem Spiel musste es eine Entscheidung geben und … naja, ich greife nur ein wenig vorweg, wenn ich sage, dass die recht deutlich ausfiel.

Die Vorfreude war bei mir immens. Mein letztes Spiel in Südamerika wird mir vermutlich auf ewig in Erinnerung bleiben und diese Atmosphäre, die man doch hatte zu spüren bekommen, hoffte ich nun, in anderem Maße – zugegeben, auch in Kolumbien noch einmal erleben zu dürfen. Unser Fußballtag begann mit einem ausgiebigen Frühstück auf der Hand und einem kurzen Abstecher in Medellíns Zentrum, um uns die Stadt mal noch näher anzusehen. Überall kamen uns noch mehr Trikots als sonst entgegen und das ist hier echt nochmal ein ganz anderes Ausmaß. Jeder zweite trug ein Trikot, von denen vermutlich nicht mal ein Viertel eines der Originalen ist – aber das ist halt auch völlig egal, denn die regulären Trikotpreise liegen hier auch nicht humaner als Zuhause in Deutschland.

Es lag irgendwie etwas in der Luft, aber so richtig wie vor einem entscheidenden Spiel wirkte es nicht. Auch in unserer Gruppe, die sich später im Hostel zum gemeinsamen Biertrinken einfand – manche Dinge sind halt überall gleich – herrschte noch blanke Unwissenheit über den Grad der Kuriosität dieses Spiels, das wir später am Tag noch erleben würden. Es fand sich eine angenehme Gruppe zusammen, die aus allen Teilen der Welt aus den unterschiedlichsten Gründen in Medellín in einem der beiden oben genannten Hostels abgestiegen war, und überall entbrannten schnell Diskussionen über den Fußball in eben den verschiedenen Teilen der Welt. Andere Bekloppte waren schnell gefunden und man tauschte sich aus – über Ticketpreise, Dauerkarten, Auswärtsspiele mit und ohne Gästefans, den ganz normalen Wahnsinn eben.

Irgendwo in diesem Wahnsinn, machte sich die Truppe auf den Weg Richtung Stadion und wer nun bis hier her gelesen hat, um zu erfahren, wie ich mich auch in Kolumbien mit den Bussen verfranzte und ein „How to not take the bus 101 Part 2“ erwartete, den musste ich leider enttäuschen, die komplette Chaoscrew füllte nämlich einen Kleinbus und einen normalen und kutschierte uns quer durch die Stadt bis in die Nähe des Estadio Atanasio Girardot.

Etwa zwei Blocks vom Stadion entfernt schmiss man uns aus den Bussen und parkte uns direkt vor einem Kiosk, der den Spieltagsalltag definitiv gewohnt war und nicht nur dank uns mit dem Nachräumen der kalten Getränke bei sommerlichen gut 25° kaum hinterher kam. Die Diskussionen setzten sich hier fort, man sang die verschiedensten Lieder von Clubs, die ich nicht mal vom Namen her kannte und irgendwie waren die Gringos los. Aber es war toll. Es war einfach toll, keine Ahnung zu haben und sich in einer Gruppe von genauso ahnungslosen aber doch irgendwie gleichgesinnten zu amüsieren. Es hatte was, abseits vom Geschehen des eigenen, des Herzensvereins, einem Verein beizuwohnen, dem ein wichtiges Spiel bevor stand, und zu wissen, dass unsere Welt nicht unter gehen würde, ginge es schief. Dem Himmel sei Dank, dass es so wahr.

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„GRINGOS – ASSEMBLE!“ Wir nahmen unsere Unwissenheit durchaus mit Humor, ließen uns aber definitiv auf den Spieltagswahnsinn ein. Hier ein mini Ausschnitt der Gruppe nach dem Eindecken mit den Jerseys. 

 

Ein paar Drinks später, deckte man uns kollektiv mit Trikots ein. Wer mich kennt, weiß, dass ich definitiv nicht zu den Leuten gehöre, die keine besitzen oder niemalsnicht eins gekauft haben, aber ich kaufte in den letzten Jahren eigentlich keine mehr – nicht mal vom eigenen Verein. Hier konnte man sich nicht mal wehren: Es waren besagte „so gut wie original, aber irgendwie cooler“-Trikots für 5 Euro das Stück und das war uns der Spaß definitiv wert. So ging es für uns dann immerhin in gleichem Look – denn selbst unsere Trikots unterschieden sich zum Teil gewaltig – Richtung Kartenausgabe und erlebten noch eine Überraschung:

„Anyone’s still wearing a belt? You need to get rid of those or they won’t let you in.“

Okay. Also den Gürtel musste ich bisher auch noch bei keinem Spiel abgeben, aber generell stellten sich nach und nach die Sicherheitsvorkehrungen als deutlich krasser denn daheim heraus. Neben den Gürteln mussten auch sämtliche Taschen, Powerbanks und sogar Feuerzeuge und Zigaretten (nicht nur die Feuerzeuge) direkt im Bus deponiert werden, weil man sie uns wohl sonst abnehmen würde. Okay. Es herrschte ein wenig Verwirrung, aber wir leisteten Folge, auch wenn die ein oder andere Hand später stets an der Hüfte ruhte, um den Hosen wenigstens etwas Halt zu geben. Der etwas andere Wahnsinn.

Als wir uns schließlich allem potentiell gefährlichen entledigt hatten, gab es für uns die Karten, die mit weniger als zehn Euro durchaus erschwinglich für ein Halbfinale der Landesmeisterschaft war – um damit die Untertreibung des Jahrhunderts für mich zu beanspruchen. Unsere Plätze waren genau auf der gegenüberliegenden Seite von der Kurve der Nacional Supporter, aber von Gästen war während des gesamten Abends nichts zu sehen. Bisher hab ich es allerdings nicht herausgefunden, ob das vor Jahren mal angesetzte Trikotverbot für Gästefans noch gilt oder man diese mittlerweile komplett aus den Stadien verbannt hat. Auf der anderen Seite stellte sich wohl auch die Frage, wer die Distanz von Bogotá nach Medellín auf sich nahm, sind es doch 400 Kilometer, die sich definitiv nicht so komfortabel auf dem Boden reisen, wie es bei uns der Fall wäre.

Der Weg zum Stadion war theoretisch ein kurzer, praktisch kamen wir in  – meine Erinnerung mag mich jetzt hier um eine mehr oder weniger trügen – mindestens vier Kontrollen. Und zwar nicht so, wie es hier schon mal üblich ist: Einmal grob die Karte, dann die Karte genauer, schließlich die Einlasskontrolle und dann der Kartenscanner – weit gefehlt. Allein die ersten drei Kontrollen waren Ganzkörperkontrollen – jedenfalls wenn man männlich war. Wir Frauen durften einfach weiter laufen, weil dort eben keine Polizistinnen standen, sondern nahezu ausschließlich männliche Polizisten. Ja, richtig gelesen: Die Stadionkontrollen erfolgen alle ausnahmslos durch die Polizei. Hierzu, und dem Gefühl, das die Uniformierten in einem solch gespaltenen Land wie Kolumbien hervorrufen an anderer Stelle, vorzugweise persönlich, gerne mehr, hier ist allerdings nicht der Platz dafür. Ungewöhnlich war es zumindest für mich und ehrlich gesagt erstaunte es mich, dass wir doch alle vollzählig in einen der inneren Bereiche des Stadions vordringen konnten, hatte es doch ein sprachliches Missverständnis mit einem aus der Gruppe gegeben, der sich wenige Sekunden später schon mit verdrehten Armen und der Wange auf dem Teer wieder fand. Das konnte zum Glück ausgeräumt werden und so standen uns nur noch die restlichen hundertundzwei Kontrollen bevor.

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Irgendwann hatten wir allerdings auch die letzte hinter uns gebracht und es ging endlich – endlich!- in die Kurve. Was man von außen noch gar nicht hatte erkennen können, war die kessel- oder eher schüsselartige Form des Stadions, das nicht von wirklich hohen, aber doch recht steilen Tribünen geprägt ist und gewohnt komplett unüberdacht dem ewigen Frühlingswetter in Medellín trotzt. Dass das der Stimmung überhaupt keinen Abbruch tut, könnt ihr euch später noch in einem Video ansehen, das ich behelfshalber auf Twitter hoch lud. Eine markante Eigenheit begeisterte mich gleich von dem recht alten, aber zu einer Jugendweltmeisterschaft sanierten Stadion: Flutlichtmasten. #flutlichtmastenultras

Im Block gab es zwar Sitzschalen, doch da gerade unser Ende des Stadions nicht so wirklich toll gefüllt war (bei uns gabs die Vermutung, dass die Ecke für Touristen gerne genutzt würde, weil wir alle irgendwie recht … verloren auf diesen Rängen aussahen) stand man eigentlich mehr, als dass man saß. Die Atmosphäre vor dem Anpfiff war eine amüsante Mischung aus der hitzigen Stimmung in südamerikanischen Stadien und der amerikanischen „You need to eat every second you’re here“-Weise des Sportkonsums. Dauernd kam ein Verkäufer vorbei, der dir wohl zur Not auch noch ein Schnittchen mit Caviar oder ein Wiener Schnitzel hätte besorgen können, denn das Angebot variierte von Runde zu Runde von HotDogs (die ekligsten, die ich je aß), über Popcorn (das Grundsatzdiskussionen auslöste – salty, sweet) bis hin zum gewohnten Trinkwasser in Plastiktüten. Man schlug sich den Bauch voll, quatschte weiter ausgelassen und sog etwas von der Stimmung auf, die immer noch nicht so richtig greifbar war. Alle waren da und sie waren auch laut – aber die Anspannung, die man von einem entscheidenden Halbfinalspiel erwartet hätte, ging einem völlig ab. War einfach nicht da.

Es brandete kurz etwas auf – eine Art Welle schob sich grollend durch das Stadion, als die Mannschaften das Feld betraten, um dem Anpfiff entgegen zu treten, doch selbst da fühlte es sich eher als unbändiger Stolz auf die Mannschaft an, denn als „Hoffentlich kommen wir ins Finale“. Der amtierende Copa-Sieger Nacional ließ seine Lieder ertönen, die mir jetzt noch eine Gänsehaut auf die Arme treibt und zack, war ich im Fußballfieber.

Rundherum sah man im Stadion Banner, die definitiv nicht in spanisch bedruckt waren: Komische Schriftzeichen, für uns nicht zu entziffern, die verdächtig nach japanischen aussahen. Wo war denn bitte der Zusammenhang? Für Fans der erfolgsumwobenen Vereine dürfte sich langsam ein Bild abzeichnen, warum ich dieses Spiel als so kurios empfanden habe, doch wer nur ein schnödes Zweitligamädchen ist wie ich, den dürfte auch das noch ahnungslos lassen. 20161211_185800

Das Spiel begann furios. Gleich in Minute sechs segelt der Ball denkbar dämlich ins Tor – natürlich der Grün-Weißen und nicht der Gäste aus Bogotá. Das war nahezu Slapstick und hätte genauso gut in jeder Kreisliga passieren können, nur hätte man da eine Kiste spendiert oder die Weihnachtsfeier ausgetragen, aber hier? Nein, quatsch, im Halbfinale machte man das gleich nochmal und lag nun schon mit zwei Toren hinten. Wie konnte man denn nur so nachlässig verteidigen? Nacional war chancenlos gegen die Klassen besseren von Independiente.

Und schließlich dämmerte es auch uns Kamelen: Die Mannschaft, die dort in den Farben der Trikots, die wir trugen, auf dem Spielfeld eine solch desaströse Vorstellung ablieferte, war nicht mal die erste Mannschaft, geschweige denn die Zweitbesetzung: Der komplette, gewohnte Kader war in Japan – zur Klubweltmeisterschaft. Atlético Nacional war der amtierende Sieger der Copa Libertadores und demnach qualifiziert zur Teilnahme gegen all die anderen Top-Teams der Welt und während wir uns noch darüber austauschten, ob uns die Liga und damit der mögliche erneute Gewinn der Landesmeisterschaft oder eben die Teilnahme an der Klub-WM wichtiger wären, bereitete sich der Kader der „normalen“ 1. Mannschaft auf die weiteren Spiele in Japan vor.

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Als auch wir es dann begriffen hatten, erklärte sich die komplett entspannte Atmosphäre: Hier waren  25.333 Fußballfans zusammen gekommen, um sich ein Spiel anzusehen, das von der Bedeutung her kaum mehr als ein Freundschaftsspiel wog. Jugendspieler liefen auf, um gegen eine gestandene Erstligamannschaft anzutreten – und sich leider völlig demontieren zu lassen. Aber bei aller Liebe: Die Stimmung war selbst bei diesem desolaten Spiel, das in Zahl mit einem null zu vier aus Sicht Nacionals noch sehr schmeichelhaft ausging, besser als in so manchem Stadion in der Bundesliga, wenn die eigene Mannschaft gegen einen verhassten Gegner führt. Beeindruckend. Der Support, der Rückhalt, die Begeisterung für ein Spiel, das jeglicher Bedeutung entbehrte, weil man sich dafür entschieden hatte, in einem Turnier mit Real Madrid anzutreten und dafür die Landesmeisterschaft nahezu hinwarf. Es hätte einem wahren Fußballwunder entsprochen, wäre dieses Spiel irgendwie anders ausgegangen, als mit vier Toren gegen das Heimteam.

Und trotzdem diese Fröhlichkeit. Dieser Stolz, das eigene Team so fern der Heimat auftreten zu sehen – das war greifbar. Ihr hättet die Anzahl der Banner sehen sollen: Das ganze Stadion war eine Nachricht auf japanisch. Diese Menschen standen voll und ganz hinter der Teilnahme an der Klub-WM. Und man mag ja über sie witzeln, wie es einem beliebt, aber diese Begeisterung wird mir so schnell nicht aus dem Kopf gehen.

Hey, Atlético Nacional, euch seh ich bestimmt nochmal. Vielleicht ja bei der Copa?

Es war ein schöner Ausflug, ein neues Stadion, ein neuer Länderpunkt und eine völlig neue Erfahrung für mich. Die Stimmung, das deutlich rhythmischere der Gesänge, die gleichzeitig auch viel melodischer und weniger … monoton sind als in den heimischen Stadien macht mich noch immer neidisch – aber eben auch jede Menge Lust, noch mehr Stadien zu besuchen, dort auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde. Wir feierten jedenfalls das Ausscheiden eines Clubs noch bis in die Morgenstunden in irgendeinem Garagenclub in Downtown Medellín zu Salsa, Reggaeton und Tequila. Es geht kaum besser.

 

 

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Getaggt mit , , , , , , , , ,

Couchgepöbel international!

FOOTBALL, FUCKIN FOOTBALL.

Innenansicht Estadio do Pacaembu

Eigentlich ist mein Chef Schuld an der ganzen Misere. Ehrlich! Weil sich unsere Urlaubsplanungen überschnitten, musste ich meinen Urlaub nach hinten raus verlängern, konnte aber nicht, wie eigentlich geplant, die ganze Zeit in Brasilien verbringen und musste mir demnach noch ein weiteres Ziel suchen – denn, für nur 10 Tage, von denen zwei eigentlich auch eher zur Anreise als allem anderen gehören, die mehreren Tausend Kilometer fliegen? Nein. Das ging ja nicht. Was anfangs als Spinnerei mit „Ich könnte ja … haha“ begann, wurde dann tatsächlich Wirklichkeit: Die Flüge waren gebucht, 10 Tage Brasilien, 10 Tage Argentinien und ich machte mich auf die Socken.

FC St. Pauli - international!

Ich weiß ehrlich nicht, wie oft ich von den jeweiligen Einwohnern der beiden Länder gefragt wurde, WARUM ich genau hier hergekommen bin. Naja, die meisten konnten es nicht wirklich verstehen, denn abgesehen davon, dass ich in Brasilien endlich eine sehr gute Freundin nach drei Jahren wiedersehen konnte war für mich der größte Grund der Fußball. Ja, mag nicht jeder verstehen, aber ich glaube wenn ich irgendwo auf Verständnis hoffen kann, dann in dieser verrückten Fußballrunde hier, also kann ich gut damit leben. Könnte ich auch ohne, aber .. lassen wir das.

Mein erster Stopp war also in Brasilien, genauer gesagt in Sao Paulo. Verdammt nochmal, diese Stadt hat ungefähr die Ausmaße NRWs. Ich als Landei und Dorfkind begab mich also mehr oder weniger auf ein riesiges Abenteuer, gerade weil einem ja von allen Seiten eingeschärft wurde, dass man im Prinzip hinter jeder Hausecke einfach erstochen werden kann, wenn man sich in irgendeiner Weise falsch verhält. Gut. Ich, dann doch eher blauäugig-naiv, nahm mir das alles zu Herzen ging aber mit der mir vertrauten „Wird schon nix passieren“-Haltung an alles ran. Was manchmal ein bisschen schwer fiel, weil die Panikmache doch extrem war. Ganz besonders vor dem ersten Spiel.

Mich hatten sie alle für unzurechnungsfähig erklärt, als ich darum bat, ein Corinthians-Spiel zu sehen. Das stünde überhaupt nicht zur Diskussion und damit war die „Diskussion“, die keine war, eigentlich auch schon beendet. Ok. Das hatte ich zu akzeptieren, aber nach Brasilien reisen, ohne Fußball zu sehen? Am Ars… Nein, das mache ich nicht. Und was macht man dann, wenn man zu dem einen Verein nicht hin darf? Klar, man sucht sich den Erzrivalen.

PALMEIRAS – FC SANTOS

 Allianz Parque

Ein kleiner Klassiker. Das war schließlich das Spiel, auf das wir uns einigen konnten, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, die Karten seien verhältnismäßig sehr teuer. Darüber lachte ich. Und nach Argentinien wurde dieses Lachen manisch, aber dazu später. Die Karten, die uns in den Oberrang direkt über die organisierten Fans von Palmeiras führten, kosteten 60 Reais. Das sind keine 20 Euro. Kein Zwanni für ´n Sitzer oder so. Ja, gut, gesessen hat keiner, aber das tut nichts zur Sache. Das war ein Spiel der Kategorie „Teuer“. Verrückt. Ich komm da nicht ganz drauf klar, könnte mich allerdings an diese Preisklasse gewöhnen. Oh, wait.

Am Spieltag machten wir uns natürlich nicht zeitig auf den Weg, weil wir in den ganzen zehn Tagen vermutlich nicht einmal wirklich pünktlich waren, aber dass hier alles nach einem anderen Zeitplan läuft, daran musste ich mich eben erst einmal gewöhnen. Dennoch stieg mein Wohlfühlbarometer mit jedem Meter den wir näher zum Stadion kamen. Achja, das Stadion. Das liegt mitten  – MITTEN – in der Stadt, genau wie das der Corinthians und das ehemalige, geteilte Stadion Estadio Municipal auch. Ich habe keine Ahnung, wie das ganze abläuft, wenn die anderen spielen, aber hier hörte man schon von weitem diese unheimlich lauten, unglaublich schnellen Trommeln. Zwischendurch dachte man, die ersten Zündkörper würden ihre Wirkung entfalten, bei der Lautstärke, doch sicher bin ich mir da nicht.

Sicher war nur eins: Mit jedem Meter dem wir dem Stadion, den Straßen um es herum, den tausenden Fußballfans in dunkelgrün näher kamen fühlte ich mich wohler. Es war endlich ein Platz, an dem ich mich wohlfühlte. Scheißegal in welcher Stadt, unter Fußballfans fühle ich mich wohl, fühle ich mich zuhause. Da kann der Rest der Stadt noch so groß, so einschüchternd sein, hier geht es einzig und allein um den Sport (das ist natürlich nur in Teilen richtig, aber ich denke, ihr versteht, was ich meine). Was hab ich das vermisst.

Auch wenn meine Begleiter dauernd nachfragten, ob alles ok sei und mir versicherten, das sei wohl alles ziemlich anders als in Deutschland – ist es nicht – konnte mich nichts da heraus reißen. Man zog gemeinsam zum Stadion und dann hinein. Und siehe da – so ein neues Stadion hab ich persönlich noch nicht erlebt.

Tickets gibt es nur noch auf Karten im Scheckkartenformat. Die machten allerdings ziemliche Probleme, auch wenn mir bis heute noch keiner übersetzt hat, was das eigentliche Problem da darstellte, denn meine Kenntnisse in der portugiesischen Sprache beschränken sich im Wesentlichen auf das, was ich im Stadion gelernt habe. Höchst brauchbar im Alltag, also.

Nach der Ticketkontrolle muss man dann hoch. Oberrang, weit hoch also. Ja, gut, so komfortabel bin ich noch nie in den Oberrang gekommen, denn der nigelnagelneue Allianz Parque befördert dich mit Rolltreppen hinauf. Was sich beim Aufstieg als sehr angenehm empfinden ließ, entpuppte sich beim Abstieg nachher als absoluter Denkfehler: Wenn immer mehr Menschen von oben nachkommen, sie unten aber nicht ausweichen können, entsteht nun mal Chaos. Riesiges Chaos. Das war übrigens der einzige Moment, an dem mir ein wenig mulmig wurde, als ich da zwischen unzähligen Menschen an die Betonwand gequetscht wurde, bis endlich oben begriffen wurde, dass man vielleicht einfach mal ein paar Sekunden warten sollte, bis sich das Menschenknäuel am unteren Ende der Rolltreppe aufgelöst hatteAllianz Parque       Allianz Parque kurz vor Anpfiff

Aber genug vorgegriffen, wir nahmen oben unsere Plätze ein und die organisierten Fans unter uns legten los. Ich finds ja immer ein wenig Schade, wenn ich nicht verstehe, was gesungen wird, wer verhöhnt wird und so weiter, deswegen ließ ich mir abwechselnd von meinen Begleitern und anderen Umstehenden übersetzen, was so der Inhalt war, da der sich aber auf die Fußballliederinhaltsfloskeln beschränkte, muss ich zugeben, dass ich mir da nicht wirklich was von gemerkt habe.

Es geht aber einfach auch um viel mehr als den Inhalt. Unter uns dröhnten die Trommeln, ächzten unter den unfassbar schnellen Schlägen, das war wirklich etwas ganz Neues. Als vollkommen talentbefreiter Mensch in Sachen Musik & Rhythmus entlockt man mir zwar leicht so etwas, aber um das mal zu vertiefen: Die Leute, die bei Palmeiras da an den Trommeln stehen, heizen auch auf den großen Festalleen ein, wenn Karneval ist. Un-heim-lich schnell.

Und einfach mitreißend. Das ist wohl auch so ein Ding, das dazu beiträgt, sich zumindest ein wenig im Takt mitzubewegen, wenn nicht gar mit zu singen. Man kann gar nicht anders – also, ich schon, ich beschränkte mich dank der Sprachbarrieren auf die weniger netten Zurufe, die der Torwart der gegnerischen Mannschaft bei jedem Abstoß bekam, ist kürzer und konnte ich mir wenigstens merken –  man fiebert einfach mit.

Der Fußball den man zu sehen bekam … nun ja, ich hatte es nicht glauben wollen, als man mir im Vorfeld sagte, dass es absolut kein Vergleich zum deutschen Fußball sei, doch da muss ich nach diesem Spiel wirklich zustimmen. Santos zeigte sich unglaublich schwach, defensiv war das eine absolute Horrorleistung, Palmeiras war einen Deut besser und machte eben auch das entscheidende Tor mehr, aber auch das war eher mau. Tatsächlich war dieses Spiel eher mit einem der deutschen 2. Liga zu vergleichen, einem besseren daraus zwar, aber nicht wirklich in der Klasse, die man hier gewohnt ist.

Tat meinem Stadionerlebnis allerdings keinen Abbruch. Was ich aber zugeben muss: Das Stadion ist noch so geleckt und so neu, dass ich mich nicht mal traute, einen Sticker zu  kleben. Das musste dann vor dem Stadion dringend nachgeholt werden, versteht sich.

Und eines finde ich doch bei allem Modernisierungswahn wirklich ein wenig bisschen total schade: Die, für einen schadenfrohen Menschen wie mich, unheimlich lustigen Szenen, die natürlich eigentlich nicht lustig sind, aber irgendwie halt doch, wenn ein Spieler vom Platz getragen werden muss und erst mal den Hintern des Helfers im Gesicht geparkt bekommt – Anlass unlustig, Szene tierisch lustig, Gibt’s hier auf jeden Fall nicht mehr, die Helferlein kommen nämlich im Golfkart angerauscht, wobei das bei weiterem Nachdenken auch Potential für ziemlich lustige Szenen hat.

Palmeiras gewann. Zurecht, wie ich finde, sie waren definitiv  besser, auch wenn Santos sich in der zweiten Halbzeit ein bisschen mehr mit Gegenwehr brüstete, doch die stehen momentan einfach nicht so richtig gut dar. Nach diesem Spiel standen sie auf einem der vier Abstiegsplätze mit 13 Punkten aus 14 Spielen. Mittlerweile, Stand Spieltag 17, haben sie sich auf einen Nichtabstiegsplatz gerettet, allerdings auch nicht mit einer viel besseren Quote von 17 Punkten aus  16 Spielen. Palmeiras hingegen steht unverändert auf Platz 6.

Nach Abpfiff machte man sich an bereits erwähnten nicht ganz komplikationsfreien Abstieg in den Unterrang, doch was vorhin unerwähnt blieb: Es war unvorstellbar laut. Die organisierten Fans waren in die Treppenhäuser umgezogen, feierten den Sieg, malträtierten die Trommeln, ließen die ganze Ecke das Stadions erbeben und irgendwie hatte man plötzlich nicht mehr das Gefühl, von einem Fußballspiel zu kommen, sondern bei den Probeläufen für den Karneval zu sein. Es wurde getanzt, gebrüllt, gesungen – gefeiert. Die Schläge der Trommeln diktierten den Herzschlag, hallten im Bauch wieder und bewegten den Rest des Körpers im Takt.

Und dann, ganz langsam, leerten sich die grünen Massen wieder aus der Fußballoase heraus in diese große verrückte Stadt, wo an jeder Ecke Gefahren lauern. Mittendrin: ein faszinierter Fußballfan, deren Herz trotzdem ausschließlich braun-weiß schlägt und die wenige Meter vor sich ein SpVgg Greuther Fürth Trikot entdeckt. Die Welt ist halt doch klein.

HOW TO FUCK UP FUCKING UP THOUGH YOU ACTUALLY DIDN’T FUCK UP

 

Zweiter Stop: Argentinien. Die wunderschöne Hafenstadt Buenos Aires. Deutlich weniger gefährlich, aber immer noch definitiv nicht zu unterschätzen. Auch wenn ich einige Anlaufschwierigkeiten hier hatte, die hauptsächlich in meiner „Wird schon nix passieren“-Haltung begründet lagen (mit der ich leider doch falsch lag) und mich zu einer „Ist halt passiert, machste nix, lernste draus“-Haltung übergehen ließen, war es im Endeffekt eine unglaubliche Zeit. In der WG in die ich für die Zeit eingezogen war, stieß ich zwar auf keinerlei Verständnis, was meinen Fußballwahn anbetrifft („You’re going to the matches every two weeks? What? Not Homematches? You’re insane.“, die eigentliche Definition von Insane liefere ich allerdings später) allerdings half man mir bereitwillig.

Als ich also erklärte, dass ich gerne Barracas Central gegen Deportivo Morón sehen wollte, machten wir uns auf die Suche nach der Haltestelle für die unglaublicherweise von @JH_Gruszecki (riesen Dankeschön nochmal an dieser Stelle, falls du darüber stolpern solltest!) direkt empfohlene Línea 59 und ich wartete beruhigt auf den Samstag.

Die Zeit bis dahin vertrieb ich mir unter anderem mit einer lieben Mitbewohnerin mit dem Besuch des Estadio Monumental  von River – schon verdammt beeindruckend und sehr schade, dass ich zum falschen Zeitpunkt für ein Match da war – und dann war auch schon Samstag.

Da ich in San Telmo wohnte und Barracas nun mal südlich lag, stellte ich mich dann zwei Stunden vor Anpfiff an die Bushaltestelle mit dem Schild, das Süden und die 59 auswies. Alles gut. Meiner Nervosität wurde dann schließlich ein Ende gesetzt (haha)  als die 59 auch kam, ich einstieg und dem Fahrer, wie hier üblich, meine Zielhaltestelle nannte. Ich weiß nicht was da schief lief, ob es meine Betonung war, die Ähnlichkeit zu BarraNcas, auch wenn das eigentlich keinen Sinn macht, oder sonst irgendwas, er schaute mich ungläubig an, hielt an der nächsten Haltestelle, schob mich förmlich mit den Worten „59, otra dirección!!“ wieder hinaus und ließ mich ungläubig dort stehen.

Nun. Warum ich, wenn ich in den Süden will, nach Norden fahren soll, erklärte sich mir nicht, doch ich, gutgläubig, naiv, doof, wie ich manchmal bin, vertraute auf die Angaben, stellte mich auf die andere Seite und fuhr nach Norden. Eine Stunde lang. Dann wurde sogar ich stutzig.

Mit der Hilfe zweier wirklich netter – und englischsprachiger! Meine Sprachbarrieren hier lösten sich erst ab Montag auf – Kolumbianer, wurde ich dann wieder in den (von vornherein!!!) richtigen Bus nach Süden gesetzt und fuhr für 90 Minuten durch Gegenden, in denen ich vom Aussteigen lieber absah.

Den Anpfiff hatte ich natürlich schon verpasst, aber wenn ich mir etwas vornehme, bin ich zu stur, es einfach wieder aufzugeben. Immerhin könnte ich es pünktlich zur zweiten Halbzeit noch schaffen, das Stadion war schließlich nur wenige Minuten Fußweg von der Haltestelle entfernt. Mittlerweile war es dunkel geworden und ich geb zu, dass meine Schritte doch deutlich schneller wurden, als noch im Hellen, Barracas hatte zumindest den Anschein eines recht düsteren Industrieviertels und da hob sich wirklich nur das Stadion von ab. Schön bemalt und –  stockfinster.

Die drei Spieler, die gerade aus einer der Türen heraus traten schnappte ich mir dann gleich mal und fragte in gebrochenem Spanisch, ob denn heute kein Match sei.

Für das Spiel, sagten sie und konnten sich dabei ein mitleidiges Lachen nicht verkneifen, sei ich 6 Stunden zu spät. SECHS STUNDEN!

Immerhin begleiteten sich mich dann sehr galant zurück zur Bushaltestelle und versuchten, mir zu helfen, meinen Denkfehler zu finden.

Der lag ganz einfach darin, dass ich selbst, wenn ich nicht den richtigen, gefolgt von dem falschen, gefolgt von dem richtigen Bus genommen hätte, zu spät gewesen wäre, weil ich mich blauäugig auf den Zeitpunkt des Anpfiffs verlassen hatte, der in der Groundhopper-App stand. Dass das die deutsche Zeit war, darauf war ich natürlich nicht gekommen. Also – selbst wenn ich nicht so schrecklich verkackt hätte, hätte ich das immer noch ziemlich versäbelt. Weil ich kann.

CLUB ATLETICO BOCA JUNIORS – UNIÓN DE SANTA FÉ

 La Bombonera

Zugegeben, ich war meinem Vermieter ziemlich auf die Nerven gegangen, mit meiner Fragerei nach einem Match. Nach einem richtigen. Du kannst nicht einfach nach Buenos Aires fahren und wieder nach Hause gehen, ohne zumindest einen der großen Vereine gesehen zu haben. Gerade wo es doch so unglaublich viele gibt. Plan B war San Lorenzo, Plan A und Wunschwunschwunschspiel war natürlich in der Bombonera. Ich sage natürlich, weil mir die Entscheidung zwischen River und Boca durch die Spieltermine und meine Zeit in big BA abgenommen wurde. Aber Boca gegen Unión? Klar, das will man mitnehmen als Fußballreisender. Ich hatte ja beinahe gehofft, dass sich hier genauso wie in Brasilien „teuer“ als „echt nicht teuer“ herausstellen würde, dass dieses Spiel das teuerste meines bisherigen Fanlebens sein würde, ahnte ich nicht. Aber diese Entscheidung, als ich dann endlich doch noch eine Möglichkeit fand, an Tickets heran zu kommen nahm ich mir auch selbst ab: Ich würde nicht nach Hause reisen und jahrelang bedauern, nicht zu dem Spiel gegangen zu sein. Und genau das hätte ich getan, also gab es kurzen Prozess, ich bezahlte diese horrende Summe für ein Fußballspiel, was darin resultierte, dass auch meine Mitbewohner in Buenos Aires mich für unzurechnungsfähig erklärten.

Es hätte mich nicht weniger kümmern können. Den ganzen Samstag-Abend war ich bereits unerträglich und meine Mitbewohner waren kurz davor, den einen Boca-Fan im Freundeskreis herzubestellen, damit ich ihn „nerven“ konnte und nicht den Rest der WG. Da ich aber irgendwie das Küken der Truppe war, ließen sie mich doch gewähren. Besagten Boca-Fan durfte ich dann am Dienstag zu texten.

Sonntag ging es früh los. Die Ansetzung lag bei 18.15 Uhr, doch die Truppe mit der ich zusammen gehen würde, traf sich bereits um 14 Uhr zu „Bier“ und >Pizza<. „Bier“, weil ich das Bier hier nicht ernst nehmen kann. >Pizza<, weil sie einfach tausendmal geiler ist, als in Deutschland. Die Pizza und die Gesellschaft von drei Schotten, zwei Briten, einer Kanadierin, einem Deutschen und einem eingefleischten Boca-Local entschädigten tausendfach für das scheußliche Bier und wir versanken ziemlich schnell in Fußballdiskussionen, erörterten alles, von der Getränkeauswahl in den Stadien, über die Preise von Tickets und Trikots bis hin zu gelegentlichen Ausschreitungen in den verschiedenen Ligen und dann waren wir eigentlich auch schon im Viertel angekommen.

La Bombonera

LA BOCA. So unglaublich kontrovers. Bleibt man auf den Hauptstraßen, ist es ein Touristenparadies, weicht man davon ab, wird wohl eher jemand auf die Chance setzen, dass du ausgeraubt wirst, als es auf deine Sicherheit zu verwetten. Wir blieben zusammen und ich trauerte kurz der Chance nach, dass eigentlich ich in Block K gesollt hätte – direkt über La Doce, dem zwölften Mann – und nun doch das Schottenpärchen hindurfte, doch selbst damit hielt ich mich wahrlich nicht lange auf. Ich wurde ein wenig belächelt und ich denke, die Leute, die mich schon mal bei einer Auswärtsfahrt oder so erlebt haben, können sich vorstellen warum: Wenn es nicht gerade so massiv entscheidende Spiel sind, wie in Darmstadt, bin ich unerträglich vor einem Spiel. Ich grinse vor mich hin, tagträume, beame mich gedanklich schon mal ins Stadion und kann es einfach nicht erwarten.

In unserer Runde war ich mit Abstand die Jüngste, aber niemand behandelte mich wie das Küken, das nicht weiß, wie es ins Stadion kommt. Wir plauderten, ließen die Karte einmal, zweimal und noch ein drittes Mal am letzten Kontrollpunkt nachsehen – auch hier eine „Scheckkarte“, aber wohl mehr darin begründet, dass generell nur Club-Mitglieder Karten kaufen können und die Wartezeit für eine Mitgliedschaft momentan wohl um die sieben Jahre beträgt. Und dann ging es die Stufen hinauf. Immer weiter, immer höher, bis man schließlich die Skyline von Buenos Aires zum Teil wirklich gut sehen kann und dann nach links abbiegt.

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Es ist so unglaublich steil. Ich habe noch nie ein derart steil aufragendes Stadion erlebt und auch unser Begleiter aus der Premier League war fasziniert. Die Bombonera ragt oben offen einfach in den Himmel und in meinem Kopf spielten sich schon tausend Szenarien ab, die dazu führen könnten, dass ich die Treppen herunter purzele – und nicht vor dem Spielfeld Halt mache, weil es technisch vermutlich gar nicht möglich wäre. Und das allerschönste: Dieses Stadion wird nicht von einer Laufbahn um den Platz um noch den zusätzlichen Funken Charme gebracht wie das Monumental, es ist einfach ein geniales Fußballstadion. Es störte mich auch nicht im Geringsten, dass wir noch beinahe zwei Stunden bis zum Anpfiff zu vertreiben hatten. Ich schaute in aller Ruhe dabei zu, wie sich die Ränge langsam füllten, wie die langen Stoffbahnen in Blau und Gelb über den Block der „Fanáticos“ gespannt wurden und das riesige Banner mit „Jugador No. 12“ hin und her wehte.

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Kurz musste ich dann doch lachen, als der andere Deutsche unseren ortskundigen Argentinier fragte, ob Tevez die Nummer 12 hätte oder wer hier so gefeiert würde, doch da mir das vielleicht an einem schlechten Tag (hust, Samstag hätte so einer sein können) auch hätte passieren können, ritten wir nicht länger darauf herum und gingen wieder in Diskussionen über die verschiedensten Fußball- oder Reisebezogenen Themen über.

Und dann irgendwann kam der Moment, an dem das erste Mal für diesen Tag ein Gesang das gesamte Stadion erfasste. Faszinierend war jedoch die Geschwindigkeit mit der das passierte. Dieser riesige blau-gelbe Block hatte es kaum angestimmt, die Trommeln noch verhältnismäßig leise, die Trompeten verhalten, da schwappte der Gesang in beide Richtungen bis zu uns auf der anderen Seite herüber. Dass ich Gänsehaut hatte, muss ich keinem erzählen. Von dem Grinsen, dass mir ins Gesicht gemeißelt wurde wohl auch nicht.

Das war eine ganze Weile vor dem ersten Ballkontakt von irgendwem. Es folgten noch eine Schweigeminute und die ersten richtigen Fangesänge. Den ein oder anderen kannte ich und auch heute sitze ich noch hier, erst in Madrid am Flughafen, jetzt im Flieger von Madrid nach Frankfurt und könnte die ganze Zeit singen:

Boca, mi buen amigo, esta campaña volveremos a estar contigo. Te alentaremos de corazón, esta es tu hinchada que te quiere ver campeón. No me importa lo que digan, lo que digan, lo demás. Yo te sigo a todas partes, cada vez te quiero más.“

Es geht nicht mehr aus dem Kopf. Bei mir wechselt sich dieses Lied im Kopf auch nur mit zwei anderen derzeit ab: „Taxi“ weil das das Lied der Mädelswg war und „Dale Boca“, was ebenfalls recht eingängig ist. Aber los werde ich es nicht und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich das gern hätte.

Nein. Ich möchte so lange wie möglich von diesem Stadionbesuch zehren können und während des Spiels, davor und danach habe ich versucht, so viel wie möglich wahrzunehmen. Die Trommeln, die Trompeten, die dem Ganzen ein wenig Fröhlichkeit und noch mehr Eigendynamik verleihen, die Sprünge, das Wackeln dieses uralten Stadions, wenn La Doce sprang.

Ich fieberte sogar dem Moment entgegen, in dem Carlos „Carlitos“ Tevez in der Startaufstellung genannt wurde, hatte das Handy gezückt – während des Spiels mach ich sowas ja nicht, aber vorher ging das für mich als Fußballtourist in Ordnung – als es dann tatsächlich auf einmal sehr laut wurde.

"Bari, wir werden dich nie vergessen!" trug die Mannschaft von Unión auf einem Banner ins Stadion, um den am 28. Juli 2015 verstorbenen Diego Barisone zu ehren, der seinen Verletzungen nach einem Verkehrsunfall erlag.

„Bari, wir werden dich nie vergessen!“ trug die Mannschaft von Unión auf einem Banner ins Stadion, um den am 28. Juli 2015 verstorbenen Diego Barisone zu ehren, der seinen Verletzungen nach einem Verkehrsunfall erlag.

Es folgte eine Schweigeminute, die keine war, denn irgendwie konnte es scheinbar keiner erwarten, dass es los ging. Das würdevolle Klatschen statt des Schweigens dauerte nämlich wohl nicht mal dreißig Sekunden, aber sei es drum. Ich konnte es ja auch nicht erwarten.

Und dann ging es los. Und obwohl ich meine Sommerpause mit dem Spiel von Palmeiras ja eigentlich schon beendet hatte, war das doch wirklich mein Höhepunkt – natürlich bevor ich am Montag wieder ans Millerntor fahre. Das war der Moment, auf den ich die ganze Zeit hingefiebert hatte. Ja, ich wäre auch zu einem Spiel von River gegangen, wenn es zeitlich gepasst hätte, aber richtig gefreut hatte ich mich auf Boca. Auf diese vollkommen andere Fußballwelt.

Ich war wirklich froh, dass die Zeit nicht davon eilte und das bei solch einem Spielverlauf. Die Gesänge waren zum Teil sehr passend zum Spielgeschehen und auch wenn man sich nach dem frühen Tor von Calleri für Boca beinahe schon einen sicheren Sieg bezeugen sah, nahm dann doch alles ganz andere Bahnen.

So um die 23./24. Minute herum gingen zwei Leute zu Boden. Orion, Bocas Keeper, hatte dann doch die letzte Möglichkeit gezogen, seinen Gegenspieler zu stoppen und sie rasselten unaufhaltsam zusammen. Wir, die in der Kurve, jedoch beinahe schon auf der Geraden hinter dem Tor waren, verstanden erst kollektiv nicht so richtig, was da unten los war. Orion bewegte sich nicht und nachdem ich nun auch die Wiederholung gesehen habe, komme ich nicht umhin zu denken, dass er bewusstlos war. Jedenfalls herrschte kurz Hektik und dann noch mehr Hektik, weil kaum dass Orion stand, die rote Karte gezückt wurde. Notbremse, Platzverweis, Elfmeter. Holy.

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Das änderte den Spielverlauf völlig. Orion ging raus, der zweite Torwart kommt zum Elfmeter rein und hat keine Chance ihn zu halten. „We’re even.“ Grummelte der Brite neben mir und grinste dabei – we’re even and we have a game now.

Und was für eins. Unión ging in Führung. 2:1. Dann gibt es Chaos um das Tor von Unión, Carlitos Tevez steht richtig und schiebt den Ball nur noch ins Tor. Die Bombonera eskaliert. Ich eskaliere. Erstens weil es mitreißt und zweiten weil ich mir tags zuvor im Gespräch mit @FloTo09 zwei Dinge für den Sonntag gewünscht hatte: Morgens einen Auswärtssieg (Danke, FCSP!) und abends ein Tor von Carlitos. Boom!

Dass kurz darauf Unión schon wieder trifft dämpfte die Freude kurz, doch die Gesänge wurde umso lauter, durchdringender, die ganze Bombonera bebte, als sich die tausenden in blau und gelb gekleideten Menschen im Stadion zum Hüpfen vereinen. Und wenn ich beben sage, dann meine ich beben. Nicht das bisschen Vibrieren, was man schon mal aus den unterschiedlichen deutschen Stadien kennt. Das ganze Gebäude war in Bewegung und ich bin mir ziemlich sicher, dass unter den Stands ein wenig Staub herunter regnete. So ganz klischeehaft.

Die Hölle brach dann los, als Boca kurz vor Schluss durch Calleri nochmal ausglich. Es muss die letzte, vorletzte Minute der regulären Spielzeit gewesen sein, als er einnetzt und sich die ganze Versammlung in Bewegung setzt. Ich erinnere mich, dass mir kurz die Bilder aus Bochum in den Kopf schossen, als zum Torjubel alle nach unten segelten, rutschten, fielen und ich mir das bei diesen steilen Rängen vorstellte, doch der Jubel war unvorstellbar.

Genauso die Ernüchterung, nach dem nächsten Gegentreffer. Nachspielzeit, dumme, dumme Abwehrfehler – wie durch das ganze Spiel hindurch –  und zack, war der Ball im Netz.

„LA DEFENSA …. NO EXISTA!“

Wir sahen also ein 3:4. Boca zu zehnt und mit beinahe nicht vorhandener Abwehrleistung. Meine Mitfahrer scherzten, „I know what they’re gonna do for the next training session“ und meinten eben jene miserable Abwehrleistung. Unión de Santa Fé war besser, die Abwehr war unwesentlich besser, aber es reichte eben. Die Offensive sah bei beiden ja sehr ordentlich aus, aber diese Abwehr…

Aber ich meine es ganz Ernst: Was hatten wir ein Glück, solch ein Spiel sehen zu dürfen. So viele Tore hab ich im Stadion beinahe in der ganzen Rückrunde nicht gesehen. Mich hätte wirklich interessiert, wie Boca mit voller Besatzung gespielt hätte, denn ich komme nicht umhin zu denken, dass das Spiel so deutlich geworden wäre, wie es am Anfang versprach. Doch es war super so. Ein perfektes Spiel, nur dass das letzte Tor vielleicht besser auf der anderen Seite gefallen wäre.

So oder so ist es um mich geschehen und ich wage zu behaupten, dass ich mir irgendwann noch einmal ein Spiel der Boca Juniors anschauen werde. Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen, weil ich dieses Gesamtpaket noch nicht erlebt habe. Natürlich bleibt unser eigenes Stadion das schönste, das liebste, aber die Bombonera ist für mich persönlich einfach unglaublich. Ich habe mittlerweile recht viele Spiele gesehen, einige der größeren deutschen Stadien besucht und ich bin mir sicher, dass man dieses Feeling aus Buenos Aires nicht in deutschen Stadien finden kann. Dieses vollkommen durchdringende Beben, wenn sogar das Stadion sich dem Rhythmus ergeben muss. Nein, nicht in München, nicht in Dortmund und leider auch nicht auf Sankt Pauli.

Und trotzdem bleibt mir mein Millerntor das liebste und auch wenn ich dieses Spiel so unheimlich genossen habe, wenn mich dieser absolut konträre Verein und seine Fans faszinieren, ich freue mich noch mehr, am Montag wieder nach Hamburg zu fahren.

Eins möchte ich aber noch loswerden: Der Artikel den die 11Freunde vor kurzem veröffentlicht haben fasst für mich die Atmosphäre und diese Kontraste innerhalb des Vereins der Boca Juniors wirklich gut zusammen. Ich habe den Artikel nach meinem Besuch gelesen und konnte einiges von dem gelesenen wirklich nachempfinden: Ganz besonders diese unglaubliche Hingabe mit der die Menschen ins Stadion gehen. Man muss wirklich fürchten, kurz vor dem Stadion, mit den Treppen schon fast im Blick, noch um die Karte gebracht zu werden, weil sie alles dafür tun würden im Stadion zu sein. Bei ihrem Verein zu sein. Mit ihm zu leiden, zu jubeln, zu leben.

Ist Fußball und das Fansein in Deutschland für viele die vielleicht schönste Nebensache der Welt, wie man so schön sagt, und was auch auf mich zutrifft, ist es hier viel mehr: Es kann der Lebensmittelpunkt sein. Der Grund morgens aufzustehen, der Grund riesige Fehler zu begehen und der Grund einem Menschen das Leben zu nehmen, wenn man den Superclásico verloren hat.

Diese absolute Hingabe zum einen fasziniert, doch der Tritt ins Extreme, ins Unwiderrufliche lässt nicht nur erschaudern, mir jagt es richtig Angst ein.

Ich habe keinerlei Schwierigkeiten im und ums Stadion herum erlebt, ich habe höfliche Fußballfans kennen gelernt, die ihren Verein supporten, sich unheimlich freuen, wenn sie mal eine Karte bekommen, weil die Nachfrage das Angebot immer um ein Vielfaches, meist um ein Vierfaches, übersteigt, und diesen Tag dann genießen. Doch die Existenz und die Anwesenheit dieser anderen Art Fan, der von Gewalt, Rache und dem Übertreten jeglicher moralischer und rechtlicher Grenzen geprägt ist, darf weder jemals vergessen, noch unbekämpft bleiben.

Die Boca Juniors stehen an einem Scheideweg, das stimmt wohl. Doch ich glaube selbst wenn man sich für ein neues Stadion entscheiden könnte, was theoretisch nicht möglich ist, weil die Fans sich offensichtlich dagegen stellen würden, dann hätte man sich noch lange nicht von den Fans gelöst, die das eigentliche Problem darstellen.

So oder so, dieser Verein fasziniert mich und das besonders, aber nicht erst seit meinem Besuch. Doch ich werde nun wohl aufmerksamer verfolgen, was in La Boca vor sich geht. Auf und abseits des Platzes. Ganz los lässt es mich definitiv nicht.