Archiv für den Monat April 2017

Heute bitte keine Punkte, ich bin krankgeschrieben.

Was könnte man so alles an einem Freitag machen? Ein bisschen arbeiten, mittags „Hoch wp-1491295805228.jpgdie Hände, Wochenende!“ rufen und sich mit Freunden zum Essen, auf n Bier oder zum Tanzen treffen. Ein ganz normales Wochenende feiern, eben. Aber dann gibt es da halt auch noch eine andere Möglichkeit: Man kann sich freinehmen (Danke DFL!), sich trotzdem den Wecker stellen und sich morgens mit jeder Menge Kaffee auf den Weg in irgendeines der Stadien dieses Landes machen. Könnte man. Könnte man aber auch lassen. Der letzte Freitag war definitiv eher ein Paradebeispiel für letzteres. Ein ganz großes „Warum machen wir den Scheiß eigentlich?“ neben einem „Wir wissen doch alle warum“ bis hin zu einem „Wir wissen es besser und machen es trotzdem“. Willkommen zu meinem Spiel… haha, Fahrtenbericht ins Erzgebirge nach Aue. Ich würde viel Spaß wünschen, doch den suchten wir auch am Freitag vergeblich.

Da sich die Pöbelcrew wieder gemeinsam auf den Weg machen wollte, führte mich mein erstes Wegstück noch alleine in Richtung der zweiten Hälfte, dort wurde schnell noch die Kaffeereserve aufgetankt und dann ging es auch schon sehr zeitig auf die Bahn Richtung Osten. Wir hatten die Route über Kassel gewählt und da das nun mal an einem Freitag doch recht riskant war, uns dementsprechend früh auf den Weg gemacht. Bis auf eine kleine Stauung durch Gaffer verursacht, die dringend einen Blick auf den Unfall auf der anderen Bahnseite werfen mussten – für Leute wie euch wurde übrigens das Konzept „Hölle“ entworfen, rot in there please! – kamen wir allerdings super gut durch und konnten uns wirklich Zeit lassen. So fuhr man irgendwo auf dem Weg auf einer Raststätte, die irgendwas mit „Eichel …“ (Dank @nurderTim merkte ich mir das) hieß, zu einer Pause ein und traf sogleich auf andere Sankt Paulianer, die wohl das gleiche Ziel hatten wie wir. Dass sie dort auch mit allem Gepäck ankamen, glich allerdings einem Wunder, dann als wir gerade ausstiegen, wollten sie ihre Fahrt fortsetzen – mit offenem Kofferraum. Mach mal den Kofferraum zu, bevor du losfährst, Digga! [Wir konnten uns glücklicherweise bemerkbar machen, sodass wohl doch alle komplett im Osten ankamen.]

Eine ausgedehnte Kaffeepause später rissen wir auch das letzte Wegstück noch ab und bogen irgendwann von der Autobahn auf die Landstraßen und die kuriose Wegbeschreibung zum Gästeparkplatz ab. „Da war irgendwas mit Hartenstein. Und Lößnitz. Und Alber…Alberroda?“ So richtig Plan hatten wir nicht, aber wir fragten uns einfach durch und kamen schließlich auch an dem richtigen Parkplatz an – allerdings vor den Ordnern, die die Gebühren eintreiben sollten. Wie so ziemlich jedes Auto der ersten drei Reihen. Wer kann denn auch damit rechnen, dass Fans schon um 16 Uhr eintrudeln, wenn um 18.30 Uhr Anpfiff ist? Und dann auch noch Wechselgeld dabei haben? Viel zu viel verlangt, wenn ihr mich fragt.

Wir trafen noch ein paar sehr lustige andere Fans und marschierten schließlich in Richtung der Shuttlebusse, die uns tatsächlich bis direkt vor den Gästeeingang chauffierten. Ehrlich gesagt hätte ich das Stadion nicht als solches erkannt, wäre ich einfach daran vorbei gefahren, ich hätte es doch eher für ein Industriegebäude gehalten. Die Mannschaft kam kurz nach uns an und da konnte es ja eigentlich losgehen, also auf hinein in dieses halbfertige, halbgroßartige und halbfürchterliche Stadion.

Der Weg hinein war für mich persönlich schon ein sehr unangenehmer. Muskelprotze, nebeneinander stehend, die Arme verschränkt und abfällig drein schauend … das waren die Klischeeordner, die sonst bei anderen Vereinen für Chaos sorgen, wenn sie nicht bei Aue-Spielen abwertende Kommentare zu den Gästefans ablassen. Zum „Kein Fußball den Faschisten“-Shirt kam ein „Nettes T-Shirt.“, das vor Ironie nur so triefte und das „Fight Fascism, Eat Nazis!“-Shirt wurde gar mit einem „Na, dann kämpft mal schön.“ kommentiert. Äußerst sympathisch, die Herren. Die Dame, die die weitere Kontrolle bei mir durchführte, war hingegen recht freundlich.

Eine kurze Bestandsaufnahme später, schnappten wir uns ein Kaltgetränk – Vollbier, überraschenderweise – und suchten uns einen strategisch cleveren Platz am Eingang auf der Kurve. Die ersten Bezugsmenschen ließen nicht lange auf sich warten und man traf noch einige weitere, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte. Sehr schön, machte Spaß! Unter anderem traf man auch die Kölner-Kofferraum-KCrew wieder und wp-1491293394426.jpgsollte das einer von euch lesen, haut mich mal auf Twitter an, ihr ward cool.

Man konnte aber natürlich nicht nach Aue fahren und dann den einzigen Grund vergessen, sich auf den weiten Weg dorthin gemacht zu haben: Der sagenumwobene, berühmt-berüchtigte, von allen mit dem Erzgebirgsstadion verbundene Nudeltopf. Oder Wurstgulasch. Oder halt Nudeln mit Wurstgulasch. Und lasst mich nur eines sagen: Der war es wert. Das war so ziemlich das einzig gute, was in diesem Stadion am Freitag passierte. Schlimm genug.

 

Wir schmunzelten noch ein wenig, über die Auswüchse der verdammten DFL-Ansetzungen auf jeden verdammten Freitag, konnte man doch am Zaun eine Bitte lesen, die sich Fotos verbat, weil man krankgeschrieben sei. Joa, so richtig anders kann man eine solche Saison halt auch nicht angehen, wenn die DFL in der Hinrunde vorzugsweise montags und in der Rückrunde zum Ausgleich dann nur noch freitags ansetzt. Ein herzliches „Fickt euch“ an dieser Stelle.

Das Stadion an sich hat was. Für mich jedenfalls der alte Teil, vielleicht lag das aber auch daran, dass der neue eben noch nicht fertig, wenn auch mehr „fußballstadionmäßig“ aussieht und dementsprechend auch noch ziemlich verlassen dar lag. Hinter der neuen kurzen Seite, die direkt an den Gästeblock angrenzen wird, hatte man den Blick frei auf den Hügel, der bewaldet an die Rückseite des Stadions aus unserer Sicht anschloss. Dort oben gab es einen kleinen Verschlag, den wir anfangs irgendwie cool fanden, weil die von dort sicherlich einen starken Blick aufs Stadion hatten, aber das spielte zur Halbzeit dann nochmal eine ganz andere Rolle, denn vor allem hatte der Gästeblock einen einwandfreien Blick, als einziger Block, auf diese Hütte. wp-1491293394438.jpg

Vorerst richteten sich jedoch alle Blicke auf das Spielfeld, zum Teil mit der Hand vor den Augen, weil die Sonne mittlerweile so tief stand, dass man kaum etwas erkennen konnte – vielleicht war das auch besser so. Zum fußballerischen haben vermutlich schon genügend versiertere Leute etwas geschrieben, deswegen lasse ich das mal gepflegt aus, aber was wir da sahen war halt einfach kein gutes Spiel. Es war sogar sehr, sehr weit davon entfernt, wenn ich ehrlich bin. Aber es war halt auch Aue, was erwartete man da schon.

Zur Halbzeit stieß ich dann meinen Umstehenden unsanft den Ellenbogen in die Rippen, als irgendwelche Identitären Vollpfosten an vorhin beschriebener Hütte ein Banner entrollten, das den Block direkt auf Zinne brachte. „Identität braucht keinen Schuldkult,der unsere Vorfahren verachtet!“, so oder so ähnlich stand das darauf, den genauen Wortlaut bekomme ich leider nicht mehr wirklich auf die Reihe. Wenn da jemand helfen kann, freue ich mich über eine Nachricht und ergänze das noch. (Genauer Wortlaut ergänzt, Danke @chromeridazT!)

Die Platzierung des Banners, der Zeitpunkt, der Inhalt … all das machte es ziemlich deutlich, dass sich da Leute ganz schön Gedanken drum gemacht haben, wie man den Gästeblock auf Zinne bringen kann, ohne selbst dafür aufs Maul zu kriegen: Hätte man das Banner später im Spiel gezeigt, bin ich mir ziemlich sicher, dass da nicht nur einer über den Zaun gegangen wäre und den Job des einsamen Cops da gemacht hätte, der sich als EINZIGER auf den Weg diesen dämlichen Hügel hoch gemacht hat und das Banner mit Nachdruck abriss. Erst als das passiert war, folgten seine Kollegen und verschwanden oben im Wald – den Urhebern nach? Man weiß es nicht. Der eine Polizist mit Courage und Handlungseifer erntete Applaus vom Block, der gleich darauf in „Siamo tutti antifascisti“ und „Alerta, Antifascista!“ ausbrach. Meiner Meinung nach zwar viel zu leise, aber ich sollte vielleicht nicht auch noch auf den Support in Aue einhauen.

Oder doch. Bei aller Liebe: Das war unterirdisch. Wenn manche die Spielleistung als kreisligatauglich beschreiben, fällt mir kein Vergleich für die Leistung im Block ein. Das war kacke. So richtig. Klar, das Spiel gabs auch nicht her, aber trotzdem müsste da mehr Feuer drin sein. Allerdings wunderte es mich nicht wirklich, wenn ich mir so anschaue, wer da um uns herum stand: Vor uns eine Gruppe Paaaady-Paulis, die ihr Alter definitiv in Flaschen gesoffen hatten und absolut keine Kontrolle mehr über ihre verdammten Extremitäten hatten, hinter uns Motzer, die behaupteten, dass auf dem Zaun doch endlich mal die gleichen Leute sein sollten, wie auf der Süd. Ehm, ja. Ist klar… vor allem, ist doch so?

Damit hatte ich auf jeden Fall ein Ventil für meinen „Nachspielsfrust“ gefunden und pöbelte munter drauf los. Irgendwer musste das halt abkönnen.

Nach dem Spiel passierte nicht mehr viel. Der Frust war allgegenwärtig und jeder zog mehr oder weniger stumm seiner Wege. Da unserer noch ein sehr langer war, machten wir uns dann auch zeitig auf den Heimweg. Über … Umwege?

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Für mich klingelte nach etwas mehr als zwei Stunden Schlaf der Wecker, der mich zur Arbeit rief, um die restlichen Fahrten zu finanzieren. Auch wenn man sich nach Fahrten wie der nach Aue manchmal wirklich fragt, warum man den ganzen Scheiß macht. Ich hoffe, die nächsten Fahrten liefern nochmal die Antwort.

Nürnberg findet leider ohne mich statt, weil einfach zwei Freitage hintereinander eine fast 1000km Fahrt echt nicht drin ist, wenn man sich auch immer noch frei nehmen muss. Mein nächstes Spiel ist also Düsseldorf. Seh euch da.

 

Bis dahin: Nazis aufs Maul und Haue für Identitäre.

Siamo tutti antifascisti. 

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