Archiv für den Monat November 2016

Wir sind punktlos unglücklich.

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Mein lieber FCSP,

Du weißt, ich mag dich. Sogar ziemlich gern. Ich mag dich von den Rasenspitzen bis hin zum Gros deines manchmal größenwahnsinnigen Wesens. Ich liebe deine guten Tage und ich leide mit dir, an denen, die eher geprägt von Hamburger Wetter denn von lauem Sonnenschein sind. Eigentlich sind wir ein ziemlich gutes Team. Wir, die hunderte, die dir blind und doch kritischen Auges in alle Ecken der Republik folgen, und du, der uns immer wieder aufzeigt, warum wir das machen. Aber irgendwas ist anders.

Wir sind immer noch kritisch und folgen weiterhin bedenkenlos … doch, warum eigentlich? Warum machen wir den ganzen Scheiß? Sind die tausenden Kilometer es am Ende des Tages, des Spieltages, der Saison wert? Eigentlich müsste ich jetzt ein lautes „Ja!“ brüllen, doch es ist eher ein verhalten genuscheltes „Meistens.“. Und dann auch geprägt von Nachsätzen: die Menschen machens! Der Support hilft! Wir wollen doch nicht sein, wie andere Vereine! Irgendwann muss der Moment der Umkehr doch kommen!

Wir kennen sie alle. Die Rechtfertigungen, mit denen im Gepäck wir uns dann doch wieder auf den Weg zum Bahnhof und damit erneute hundert Kilometer durch Deutschland machen. Und da hab ich es ja noch ziemlich gut, mit dem Basislager in der Mitte der Republik. Dennoch macht es müde. Es macht müde und sprang ich letzte Saison noch mit einem „Away day, biatch!“ aus dem Bett, klingelte der Wecker am Spieltag, so ist es diese ein träges „Ist schon wieder soweit…?“

Ist es schon wieder soweit, auf die Fresse zu kriegen? In der Offensive keine Schlagkraft zu entwickeln? Bei der Defensive zittern zu müssen? Selbst gegen die kleinen Vereine kolossal nichts zu holen? Gemeinsam ratlos, einsam wütend im Block zu stehen? Sich gegenseitig anzugehen? Sich in den Support flüchten zu wollen, doch selbst der hat als Ratte das Schiff mit Schlagseite schon verlassen?

Das sind momentan eher die Fragen, die mir an einem Spieltagsmorgen durch den Kopf gehen. Ich bin für mich froh, etwas Distanz gewonnen zu haben. Das heißt nicht, dass ich dich auch nur mit einer Faser weniger liebe, aber ich hänge mein Herz mitsamt einem bisschen Vernunft an dich. Man reift ja auch ein wenig und so ist ein Wochenende immer noch trüber, ohne Punktgewinn als mit, aber es ist nicht mehr komplett ins Klo gefallen. Sonst hätte ich die letzten Monate wenige schöne Wochenenden gehabt.

Natürlich bin ich auch selbst schuld. Ich habe ein Herz für die Vereine, die mehr einstecken müssen als groß auf Macker machen können. Das ist nun mal so. Es geht ja oft darum, wie viel man einstecken und trotzdem weiter machen kann, statt nur danach zu fragen, wie viel man austeilen kann. Die rosaroten Romanzen sind einfach nicht meins, dann hätte ich mir in allen Sportarten andere Vereine „aussuchen“ müssen. Aber wir wissen ja beide, dass man sich das nicht aussucht. Irgendwann stolpert man über einen Verein und gerät in einen Strudel, der einen so tief hinein in die Arme der Fanszene und des Vereinsumfelds hinein zieht, dass man dort gar nicht mehr hinaus möchte.

Aber selbst die sonst so wärmenden Arme der Fanszene sind in diesen Zeiten unbequem. Es gibt viele Reibereien, die eigentlich total doof sind und nur daher rühren, wie man ein Spiel lieber erlebt. Oder noch kleinere Dinge. Aber wenn alles scheiße läuft, dann reicht eben auch so etwas, um gegeneinander zu gehen. Um die kürzere Zündschnur in die Nähe der Flamme zu halten.

Dabei macht es doch alles nur müde. Man möchte doch nur nochmal einschlafen und nicht die rote Laterne irgendwo bedrohlich im Hinterkopf schwingen haben. Ich weiß für meinen Teil genau, warum ich jedes einzelne Spiel letzte Saison von der ersten bis zur letzten Minute genossen habe, weil ich hoffte nun noch davon zehren zu können … doch seien wir ehrlich, mit den Niederlagen in Dresden, in Berlin, in Sandhausen sind die ziemlich schnell verpufft.

Ich war auch in Würzburg müde. Eigentlich hatte ich keine Lust. Die Vorfreude hatte sich auf die Fahrt beschränkt und als selbst die wegfiel, blieb nur der Fußball (und natürlich die lieben Menschen vor Ort, aber euch geht es vermutlich aktuell nicht anders). Und dass der Fußball momentan alles kann, aber nicht wieder gut machen, das wissen wir auch alle. So ist es ein klassisches Nullnullspiel, in einem übrigens sehr charmanten, aber bitterkalten, Stadion, das nachher natürlich nicht Null zu Null sondern Null zu Eins aus unserer Sicht ausgeht.

Der Support war purer Frust. Es scheinen alle müde. Träge. Trotzig. Geschafft. Da helfen auch die größten Bemühungen am Zaun nicht. Selbst ich, die die Stimmbänder in Fetzen bevorzugt, schwieg die letzten Minuten. Wozu auch? Was sollte es helfen?

Das war mein letztes Spiel für dieses Jahr. Ich stehe auch in 2017 natürlich wieder im Block und pöbele munter vor mich hin, wenn es nötig ist, aber für 2016 reicht es. Es ist nicht so, dass ich nicht fahren wollte, aber in der aktuellen Situation sind mir, und wer das nicht ab und an mal zugibt, verliert vor mir jegliche Glaubwürdigkeit, andere … größere Fahrten wichtiger.

So ist nun also meine Reisepause auch eine Pause für das Fußballherz. Vielleicht braucht es einfach ein bisschen Ruhe und danach starten wir in der Rückrunde wieder voller Fahrt durch. Ich hoffe es.

Mein lieber FCSP, es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Ich bin müde. Aber du trägst eine Teilschuld.

Immer noch und immer wieder braun-weiß. Auch in Kolumbien. Ich drücke euch und verabschiede mich hier in die Winterpause. Zum ersten Spiel 2017 lesen wir uns wieder, wenn ihr mögt. Bis dahin, lasst die Köpfe nicht zu sehr hängen – irgendwie kommen wir da noch raus. Vielleicht schafft ihr das ja ohne mich auch schon.

 

Forza.

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