Archiv für den Monat Oktober 2016

Es ist an der Zeit, schreiend im Kreis zu rennen.

Sandhausen! Gleich zweimal in einem Kalenderjahr stand das nun auf dem Plan und nachdem ich im März in höchsten Tönen von dem mir höchstsympathischneutralen Verein geschwärmt habe, hätte die Vorfreude durchaus eine große sein können. Hätte. Wäre da nicht der Fußball, der einem aktuell jegliche Freude an den Fahrten zu nehmen versucht. Gewieftere Freunde des Ballsports suchen sich zum Ausgleich ja schon mal einen Zweitverein, doch dass ich da mit den Sportfreunden auch keinen besseren gefunden habe, führten die Rot-Weißen Essener am Abend zuvor noch gleich fünfmal vor Augen. Mein Fußballwochenende startete also massiv betrübt und es fehlte sowohl an der Hoffnung, dass der magische FC dies am Samstagmittag ändern würde, wie auch ein wenig an der Lust dem ganzen Drama beizuwohnen. Dieses große, bedrohlich wankende „Warum?“ hängt aktuell einfach viel zu tief über den Köpfen.

Warum überhaupt aufstehen… fragte ich mich, als der Wecker mit dem markanten Namen „AWAY DAY, BIAAATCH.“ munter vor sich hin weckerte. Müdigkeit, Trägheit, gar Faulheit lockten, doch einfach im Bett zu bleiben. Immerhin sparte es schon mal Nerven, nach dem Spiel nur einfach die schlechten Nachrichten überbracht zu bekommen. Abstand halt. Aber es ist nun mal wie es ist: Sankt Pauli ist die einzige Möglichkeit und so wurde sich in Schale geworfen, der Kaffeevorrat aufgestockt und die Autobahn in Richtung Süden in Angriff genommen. Sandhausen ist von mir aus nun wirklich eine der sehr kurzen Anfahrten, wenn man alles unter 250 Kilometern als „sehr kurz“ rechnen mag, und das ist definitiv einer der Gründe, warum ich die Fahrt dorthin zumindest im März genossen habe. Das entspannte Flair, das Stadion und der Parkplatz mitten im Nichts und die recht wenig restriktive Einlasspolitik taten ihr Übriges dazu, dass ich gar zu „Das ist ’n echt geiles Stadion da!“-Aussprüchen hingerissen wurde.

Gerade der erste Punkt, „Entspanntes Flair“, ist etwas, das man als Sankt Paulianer definitiv zu schätzen lernt. Nach den letzten Fahrten, unter anderem mit Hannover und Dresden, ist das etwas, auf das sich die konfliktscheue Hälfte der Fußballseele definitiv freut. Und doch kommt es natürlich genauso, dass der Konflikt eben nicht ganz ausbleibt – nur halt gut 120 Kilometer von Sandhausen entfernt.

Die Ansetzungen des aktuellen Spieltags (ist nämlich schon gestern) waren zumindest in einer Hinsicht etwas brenzlig: Während wir Sandhausen ansteuerten, fuhren die schwarzgelben aus dem Osten gen Heidenheim. Nun kann man natürlich in 96% der Fälle davon ausgehen, dass man sich nicht über den Weg läuft, aber es gibt da einfach diese Restwahrscheinlichkeit. Und ich wäre nun mal nicht der chaotische, unbedacht handelnde Mensch, der ich bin, wenn mir nicht genau diese vollkommen frei erdachten 4% Wahrscheinlichkeit viel näher lägen, als die 96. (Komisch!)

Da mein Auto die etwas unangenehme Angewohnheit hat, bei den Winterschuhen erst einmal kläglich zu jammern, ist es für mich (trotz eures Spotts!) unerlässlich, die Radmuttern nochmal nach gut 100 gefahrenen Kilometern nachzuziehen. Da mein Papa gestern so lieb war und mir die Reifen noch gewechselt hat, bevor ich heute losfuhr, lag diese Aufgabe eben noch vor mir und so machte ich auf halber Strecke Halt, um brav Folge zu leisten. Ich suchte mir einen Parkplatz, der nicht ganz so überlaufen war und machte neben einem Auto mit unauffälligem Kennzeichen aus dem Ruhrpott Halt und mich an die Arbeit.

Ich habe mir wahrlich rein gar nichts dabei gedacht und auch keinen Gedanken mehr daran vergeudet, dass die Dresdener Fans ja auch unterwegs waren, sodass mich die Pöbeleien desjenigen, der da nun in der Vierergruppe auf mich zu prollte (<- Das sollte in den Duden aufgenommen werden), vollkommen unvorbereitet trafen. Es folgten die üblichen Beschimpfungen, lautstark, unter der Gürtellinie und hier nicht zu wiederholen. Gekrönt von „Komm doch her!“. Natüürlich. Mit dem Drehmomentschlüssel in der einen Hand schaute ich ihm stirnrunzelnd entgegen. Sicher, dass ich das soll?

Mein „Ist dein Bizeps so groß wie deine Fresse?“ verkniff ich mir galant und somit auch eine kleine Boxeinlage, wie ein Plüschbär sie gern gesehen hätte. So hingegen pöbelten nun die verbliebenen Drei der Gruppe den Vierten an, was mit ihm denn falsch sei, schließlich sei ich offensichtlich alleine unterwegs und hätte ihn ja nicht mal provoziert. Hab ich ja auch nicht. Es sei denn, er fühlt sich durch eine Frau, die durchaus weiß, wie man Räder wechselt und wartet, mit einem Drehmomentschlüssel in der Hand provoziert. Bei Teilen der Dresdener Fanszene weiß man da ja nie, wenn das Arbeitsgerät nicht aus der Küche stammt.

Jedenfalls blieb dieses kurze Intermezzo folgenlos und ich konnte mich weiter meiner Anreise widmen – ohne weitere Störfaktoren auf zwei Beinen.

Ich kam also recht zeitig am Parkplatz an und das sogar, obwohl ich meinen beinahe schon routinierten Umweg fuhr. Schließlich habe ich den Anspruch an mich selbst, ein Stadion, wo ich schon mal war, das nächste Mal ohne Navi zu finden und fuhr exakt auf die gleiche Kreuzung ohne Schild mit Stadionhinweis zu, wie im März. Aber ich bin ja ein Fuchs!

„Das letzte Mal bist du rechts abgebogen und das war falsch, intuitiv wäre also geradeaus richtig.“

War es natürlich nicht. Und natürlich hätte ich nach rechts abbiegen müssen aber da Sandhausen ja glücklicherweise keine Großstadt ist, kam ich so nur knapp fünf Minuten später am Parkplatz an, der noch der gleiche Matsch-Schotter-Hügel-Acker ist, wie eben auch beim letzten Versuch. Ich vertrieb/trödelte mir noch ein wenig die Zeit und machte mich dann langsam Richtung Stadion auf die Thermosocken.

Vor dem Stadion, strategisch (theoretisch) gut platziert, um die ankommende Bezugsgruppe zu erwischen – die nur leider schon im Stadion war, bekam ich dann noch eine herrliche Situation mit. Ein kleiner Junge, vielleicht im Grundschulalter, bekam Aufkleber geschenkt, mit dem Auftrag, sie irgendwo hin zu kleben, wo es Sinn macht. Kurzentschlossen patscht der Kurze sich einen auf die Stirn und sieht sich kapitulierenden Schenkern gegenüber, die schmunzelnseufzend ein „Okay, das macht Sinn.“ hervorbringen.

Einen kurzen Waldspaziergang später, steht man ja nun mal vor den Stadiontoren, die letztes Mal noch komplett ohne Ticketkontrolle darlagen, oder ich bin irgendwie durchgeschlüpft, und dieses Mal nun auch nicht so richtig rund laufen wollte: Mehrmaliges Scannen meines Tickets ließ das arme Gerät immer nur in minioneskes „Bee-doo-dee-doo(…)“ ausbrechen, dass ich schon fürchtete, dieses Mal gar nicht hinein zu dürfen. Es fand sich schließlich ein Gerät, das auch mich hinein ließ und die Kontrollen an sich waren ja, bis auf die bereits bekannten Spürhunde, der klassisch lapidare Standard.

Hinauf auf die Tribüne, einen Teil der digitalen Bezugsgruppe direkt gefunden und los ging das Spieltagsvorgeplänkel. Wir fanden uns nachher in einer schönen Gruppe dort zusammen ein, die sich in der Form wohl auch länger nicht gesehen hat und viel Spaß machte. Die Zeit bis zum Anpfiff vertrieb sich jedenfalls sehr leicht.

Das war auch ein wenig darin bedingt, dass vom Support her eigentlich schon eine halbe Stunde vor Anpfiff eingesetzt wurde und man schon hoffen wagte, eine ordentliche Leistung zumindest auf den Rängen hin zu zaubern. Es hielt zwar keine Vorfreude bei mir Einzug, es war eher nüchterne Gewissheit, dass es auch hier sehr schwer würde, aber immerhin hatte man nun auch etwas zu tun: Supporten.

Unterbrochen wurde das, vor Anpfiff, nur einmal kurz, als bei uns zumindest rege Heiterkeit herrschte, nachdem bekannt wurde, dass Christopher Avevor heute die 17 tragen würde, ohne Namenspatch, weil man die Trikots mit der 6 schlicht und ergreifend nicht mit nach Sandhausen genommen hatte. Mich amüsierte da weniger die Schusseligkeit, als der Fakt, dass man scheinbar immer ein Boll-Trikot im Petto dabei hat. Kurioses gibt es eben auch aufwärts der Regionalliga.

Das Spiel. Nun gut, es fing irgendwann an und damit ist halt eigentlich auch schon alles gesagt. Man könnte nun den gleichen Inhalt einmal hinunter beten, wie schon in x Texten vorher in dieser Saison und es würde sich nicht viel unterscheiden. Alles, was mit mehr als drei Pässen in unseren Reihen zu tun hatte, ging zum Gegner. Jeder Torschuss? Ging zum Gegner. Gerade erkämpfte Bälle, die man schnell nach vorn spielen will, weil man defensiv steht und nur auf Konter lauert? Geht zum Gegner. Es fehlt eigentlich nur noch, dass wir die Tore selbst machen, denn alles andere – Ballgewinn, Vorbereitung – erledigen wir ja bereits für den Gegner.

Dieser Absatz trieft vor Bitterkeit und das ist mir wohl bewusst, aber es bleibt einfach nicht viel anderes. Das Gegentor fiel wenig überraschend und viel mehr hätte es konsterniert, wäre tatsächlich mal ein Spielzug von uns mit einem, im richtigen Netz zappelnden, Ball, beendet worden. Ich glaube, ich hätte nicht mal gewusst, was ich dann machen sollte und am Ende wäre noch ein Moritz-Volz-Ich weiß nicht was ich tun soll, also strecke ich die Zunge hinaus-Torjubel daraus geworden.

So aber war alles wie immer. Und das frustet. Pur. Der Support war bis zum Gegentreffer für die Masse an Leuten und der Kompaktheit des Gästeblocks zwar okay, aber nicht überragend. Man hörte sogar die Sandhäuser zwischendurch mal. Mit dem Treffer war das zerschlagen. Die Lust fehlte, die Luft war deutlich raus, auf den Rängen, wie auf dem Rasen. Ein Tor glücklich schießen, das geht immer. Aber in der aktuellen Lage zwei? Da schüttelt wohl selbst der größte Optimist betrübt den Kopf.

Die Halbzeitpause verbrachte ich mit munterem Schimpfen. Ich mag euch das gar nicht alles hier aufbrummen, aber ich schimpfte und schimpfte. Es nervte einfach alles so unfassbar. Und damit, dass man das noch irgendwie drehen könnte, schien einfach auch niemand zu rechnen. Es war nichts von der sonst schon mal greifbaren „Jetzt aber!“-„Los jetzt!“-„Jetzt erst recht!“-Atmosphäre zu spüren. Der komplette Gästeblock verfiel in trägen Frust.

Wir überlegten da schon, wie es weitergehen könnte. Und zwar nicht auf dem Spielfeld, das war nahezu abgehakt und es hing nur in der Luft, ob es bei lediglich einem Tor bleiben würde. Nein, es ging viel mehr darum, wie man diesen Impuls, der bei „anderen“ (im nicht negativen Sinne) Vereinen durch den Rauswurf von Trainer und oder Sportdirektor gesetzt werden kann, bei uns eben auch erreichten könnte, ohne diese Konsequenzen zu ziehen. Natürlich ist uns allen klar gewesen, dass das in letzter Konsequenz notwendig sein kann, aber es fällt eben nicht leicht. Und an dem Punkt ist man irgendwie auch noch nicht so richtig.

Während wir bitter  witzelten, man solle Kinoabende zur Teambildung machen und dort vielleicht nur mal die Filmauswahl überdenken, über die Idee, für jedes gefangene Tor einen Rosamunde Pilcher-Schnulzenkram anschauen zu lassen bis hin zu Minigolf, was jedenfalls für mich eine größere Folter wäre, als Rosi, kündigte USP an, den Support einzustellen, sollte sich in der zweiten Hälfte nun nicht grundlegend etwas am Auftritt der Mannschaft ändern. Dass sie damit genau den Impuls setzten, der uns schlicht nicht einfallen wollte aber dringend nötig ist, bleibt wirklich zu hoffen.

Es ging noch mit Support in die zweite Hälfte, doch es zeichnete sich sehr schnell ab, dass das nicht lange so bleiben sollte. Ein desolater Auftritt einer verängstigten, ballunsicheren Truppe, die den Ball bloß immer schnell wieder loswerden wollte. Geschwindigkeit kam nur über die Wechsel mit Picault und Miyaichi ins Spiel, aber selbst dann wollte einfach nichts gelingen. Dass sich überdies noch Kalla verletzte, setzte dem ganzen Drama noch das Krönchen auf.

USP jedenfalls blieb konsequent und stellte den Support ein. Das provozierte nicht nur Zuspruch, sondern natürlich auch Gegenwind und eigenmächtige Versuche, den Block in einen Gesang zu vereinen, die jedoch meist schnell wieder verhallten oder gar nicht erst richtig aufbranden konnten. Zu tief saß der Frust allen in den Knochen, selbst wenn man sich den Boykott vielleicht nicht ganz auf die eigenen Fahnen schreiben wollte.

Aus meiner Sicht war das nur konsequent. Ich hab das in meiner Fanzeit noch nicht erlebt, allerdings auch noch nicht diese derartige Hilflosigkeit auf dem Feld, die ein Kreisligaspieler noch mit dem berühmten Biss ins Gras kompensieren würde. Aber das fehlt einfach. Komplett. Und wenn man nun mit diesem (non)verbalen Arschtritt den dringend benötigten Impuls setzen könnte, ohne dass gleich der Trainer fliegt, der einfach wie Arsch auf Eimer passt sich aber letzten Endes dennoch beugen müsste, wenn sich nichts ändert, dann ist mir das eine sehr willkommene Form des Protestes.

Dass Pfiffe gegen die eigene Mannschaft soooo Vorstadt sind, müssen wir ja hier nicht weiter diskutieren.

Was war sonst noch? Für mich kam irgendwann vor dem Supportstopp die Zeit, wo ich gesagt hätte, okay, nun ist es an der Zeit panisch im Kreis zu laufen. Der Punkt kommt jedenfalls unaufhaltsam näher und für heute schafften es mal wieder nur die Menschen um einen herum, die mein nonstop-Gepöbel übrigens tapfer ertragen haben, und eine von den freundlichen Nebenstehern/hüpfern geschenkte Caprisonne wenigstens etwas positives mit zu nehmen. [Im Übrigen, solltet ihr Caprisonnenschenker twitterisch/bloggend/bloglesend tätig sein: Herzlichen Dank nochmal, das war eine feine Geste! Grüße!]

Die Sandhäuser nutzten die Einstellung des Supports jedenfalls noch zu ihren Gunsten und schmetterten uns ein „Scheiß St. Pauli“-chen entgegen. Immerhin haben sie damit gewartet, bis wir ruhig waren, damit wir das auch sicher hören. Nett!

Der Abpfiff kam pünktlich und von uns herbei gesehnt. Es würde sich ja doch nichts zu unseren Gunsten ändern. Kaum war die Pfeife ertönt, machte sich ein Großteil des Blocks auf den Weg nach draußen, ohne auf die Mannschaft zu warten. Auch hier kann ich dem nur beipflichten, das war nur konsequent nach dem Supportstopp. Und Himmel, das hat gesessen. Ewald und der Mannschaft sah man es definitiv an, dass da was angekommen ist. Und mehr wollte man damit ja auch gar nicht erreichen. Dass das Einstellen des Supports etwas ist, was man leichtfertig tut, kann ich jedenfalls aus meinen nun drei Jahren als Vielfahrer nicht sagen. Es fällt sogar verdammt schwer. Aber wie immer: Bringt es die notwendige Wirkung, ist es zu ertragen.

Und falls ihr euch, genauso wie wir, gefragt habt, ob das Maskottchen des SV Sandhausen nun ein Dachs oder ein Stinktier ist, dann lasst euch sagen: Es ist ein Dachs, wie Sherlock Lewi ermittelte.

So… und damit ist nun von meiner Seite aus alles gesagt, wenn es auch nicht viel positives zu sagen gab. Ich würde es so unfassbar gerne sehen, wie die Hertha am Dienstag durch ein Pokalwunder, denn im Pokal ist ja alles möglich!!!111elf, mit ihrem altertümlichen Weltbild zurück in die Weltstadt geschossen wird und sich statt mit weiteren Pokalspielen lieber mal mit Toleranz auseinandersetzen kann, aber so richtig daran glauben mag ich nicht.

Belehrt mich eines Besseren, Boys in Brown.

 

…für immer mit dir!

 

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Love Punkrock, hate St. Pauli.

Hannover 96. Der kleine HSV. Der Schummelhsv? Die Generalprobe? Pah, da mag doch keiner drüber reden, es sei denn die Rauten entschließen sich diese Saison endgültig mal für den Abstieg und dass das ungefähr so wahrscheinlich ist wie … ja, ich weiß ja auch nicht – angenehme DFL-Terminierungen? – ist ja allen klar. 5 Sätze und schon pures Chaos. Zack, da ist sie, die Parallele zum Spiel des magischen FCs in Hannover: 5 Pässe, pures Chaos.

Dann komm ich da wohl doch nicht drumherum. „Legen wir los.“ Das waren zumindest ungefähr die Gedanken, die ich beim Weckerklingeln hatte. Gut, das ist gelogen: Eigentlich war es eher „Warum hat der verdammte Wecker nicht geklingelt? Da hab ich ja gerade nochmal Glück geh… oh, ich hab ihn schon ausgemacht.“ Es versprach ein chaotischer Tag zu werden und das nicht nur, weil ich schon wieder mit dem Maximalpensum an Trömmelei unterwegs war, sondern weil die Pöbelcrew endlich wieder gemeinsam auf Tour ging.

Während mein werter Mitfahrer vermutlich noch in den Reichen verweilte, in denen der magische FC den Europapokal seit Jahren nicht mehr hergegeben hat, machte ich mich dann auf den Weg gen Norden. Mit ordentlich Musik auf den Ohren, eine noch größeren Portion Kaffee und dem bescheidensten Wetter, das nach Karlsruhe noch hätte kommen können verflog die Fahrt eigentlich wie gewohnt und so lagen wir richtig gut in der Zeit als wir uns vom Zwischenstopp auf den zweiten Teil des Weges nach Hannover machten. Eigentlich.

Navigationssysteme sind ja Heils- und Chaosbringer zugleich, das sollte uns allen spätestens seit dem Zeitpunkt klar sein, als jemand in den Rhein abgebogen ist, weil das Navi das doch so genau gesagt hatte. Nun hatten wir uns schon wieder auf die Autobahnen begeben, waren eine Weile unterwegs und die verbleibende Fahrtzeit wollte und wollte sich einfach nicht ändern. Was man nun erst einmal für Programmversagen halten konnte, wurde nach und nach immer deutlicher zu einem Indikator eines riesigen Staus auf der Zwo. Well…

Das Navi tut ja manchmal auch gutes und so schickte es uns kurzerhand – mal wieder! – auf Bundesstraßen, auf denen wir zwar dann auch erst einmal im Stau standen, uns aber immerhin die Fahrzeit nun mit nur noch knapp über sechzig Minuten deutlich besser gefiel.

Vermutlich standen wir am Ende auch alle im gleichen Stau, aber hey, es ging jedenfalls irgendwann voran. Nach einer kurzen Fahrt durch Hannover selbst, gelangten wir dann zu der empfohlenen Straße und extra für uns öffneten sich schließlich die Tore eines Asche-Gras-Niemand-weiß-so-genau-was-noch-Sport-Parkplatzes. Mit der Poleposition als Parkplatz dann die sieben Sachen gepackt und noch überlegt, ob wir die Kleber mitnehmen, oder sie doch direkt im Auto lassen.

Wir entschieden uns für ein „Klar, mitnehmen!“ und legten die paar Meter zum Treffpunkt der Gästefans zurück, der – und nun staunt über Lob im Zusammenhang mit 96! – unfassbar charmant war. Es gab Sitzgelegenheiten, im Trockenen!, ein Rondell, einen Bratwurst-und-was-noch-Stand und ein Vereinsheim, das genau das verkörperte, wie ich mir die noch nicht allzu lange vergangenen Vorgängerjahre des Fußballs vorstelle: Skat spielende Männer, vermutlich bei zwei Bier und einem Klaren.

Aber irgendwo zog es uns doch zum Stadion, es galt noch eine Karte einzusammeln und eigentlich ja auch noch die üblichen Verdächtigen zu treffen, die es dieses Mal allerdings geschafft haben, sich erfolgreich vor uns zu verstecken. Das prangere ich an! Nächstes Mal kommt ihr mir nicht so leicht davon, versprochen.

Vor dem Stadion boten sich dann allerlei Kuriositäten: Von einer Gruppe Jugendlicher, die ihre Sticker vorausschauenderweise unter einem Container platzierten, über ein Kind, das mit herzzerreißender Hingabe versuchte, eine Sektflasche kaputt zu treten bis hin zu Leuten, die ein Gruppenfoto von den Polizisten schießen ließen. Öhm, ja. Am besten noch vom „Team Dialog“, oder wie sie noch gleich hießen.

Tatsächlich traf man dann doch noch bekannte Gesichter, die ich nun auch zum ersten Mal diese Saison getroffen hab und an die hier ganz herzliche Grüße gerichtet sein sollen (A. und K., ihr seid gemeint!).  Auch die ein oder andere Twitternase sah man nochmal zwischen Tür- und Angel, wobei das „Wir sehen uns drinnen!“ dann nachher leider doch nicht ganz hingehauen hat.

Dank unserer Kartensituation machten wir uns dann leider eher spät auf den Weg zum Einlass. Und wo ich vorhin die charmante Situation am Treffpunkt gelobt habe, zerstört das hier nun ja… ziemlich jegliche Wohlfühlatmosphäre.

Dass Frauen sich an einem anderen Teil des Eingangs zu platzieren hatte – was durch den gemeinsamen „Mischraum“ hinter den Trennern auch denkbar dämlich und sinnfrei war – wurde natürlich erst kommuniziert, als man bereits bei dem anderen Eingang ganz vorn stand.. Demnach wieder raus, neu anstellen und hoffen, dass man nun richtig stand.

Tat man das, durfte man sich gleich nochmal anstellen, denn an der ersten Barriere wurde ja nur auf Geschlecht und „Ticket für Stehblock“ oder sowas geprüft. An dem zweiten folgte erneut eine Kontrolle des Tickets und … von allem anderen. Gottnochmoa. Also die Kontrollen diese Saison sind doch nochmal deutlich krasser als die letzte, wenn mich mein Empfinden nicht trügt. Alles wurde kontrolliert. Man hörte von Blicken in Kippenschachteln genauso wie von abgenommenen Powerbanks und die Dame vor mir musste gar ihren „eos“-Kugel-Labello abgeben (die sind scheiße teuer!) weil es ja optimal als Wurfgeschoss dienen konnte. Also bei aller Liebe, wenn die Dame es geschafft hätte, das Teil vom Gästeblock auf die Vollpfosten von 96-Ultras am anderen Ende des Stadions zu befördern, hätte ich ihr eigenhändig einen Jahresvorrat von dem Zeug gekauft. Bei aller Liebe zur Absurdität, geht’s noch?

Man konnte sich auf jeden Fall nicht darüber beschweren, nicht genügend Zeit gehabt zu haben, sich über die Kontrollen zu ärgern, denn direkt nach der Kontrolle von Leib und Lumpen, bei der vermutlich sogar Ergebnisse eines allgemeine Gesundheitschecks hätten vorliegen können, durfte man sich ja nochmal anstelle. Meine Fresse, also dümmer kann man die Einlasssituation ja gar nicht gestalten, aber hatte man diese Hürde dann noch überwunden, fehlte schließlich nur noch der Aufstieg zum Gästeblock. Dass der Weg dorthin allerdings das Einzige war, das aufwärts ging, muss ich euch vermutlich nicht erzählen.

Der Gästeblock selbst hingegen versprach von der Akustik her ja so einiges. Wir suchten uns ein Plätzchen, leider recht dämlich im Gang, aber immerhin an dem Trenner zwischen den beiden Blöcken, sodass man die taumelnden Massen zumindest abfangen konnte. Auf der Stufe über uns lagerten schon die Papiermassen, die eine schöne Choreo versprachen. Ließ man den Blick durchs Stadion schweifen, erblickte man auf der gegenüberliegenden Seite auf der Balustrade des oberen Heimblocks ein „Kämpfen bis die Fetzen fliegen!“-Banner. Damit wäre ja auch alles schön und gut gewesen, ich hätte vielleicht sogar ein zustimmendes Nicken aufgebracht und gut wäre. Aber nein, es kommt natürlich immer schlimmer als man es gern hätte und so wurde das „e“ in Fetzen im Laufe des Spiels zu einem FCSP-Logo-„O“ und das „F“ aus Fliegen verschwand komplett. „Kämpfen bis die Fotzen liegen“. Alles 96, damit erreicht ihr ein Niveau, dass die Dresdener es sich noch oberhalb von euch gemütlich machen können, Hut ab.

Das zweite Banner, das im weiteren Spielverlauf im oberen Teil des Oberrangs gezeigt wurde und „Love Punkrock, Hate St. Pauli!“ proklamierte, fand ich ja hingegen ganz charmant. Nun ist auch deutlich geworden, dass bei weitem nicht die gesamte Fanszene das Banner so toll fand, wie ihre Initiatoren, dennoch war das eine ganz miese, sexistische Leistung.

Da gefiel mir unser eigener Block dann doch deutlich besser, der mit einem Papiermosaik in Braun und Weiß und einem „St. Pauli“-Banner mittig richtig schick aussah und sogar ohne Pixelfehler auskam. Ein fettes Danke an die Organisatoren, die sowas immer wieder möglich machen.

Die Stimmung an sich war auch recht ordentlich, wenn ich auch das Gefühl hatte, dass bei den akustischen Umständen, die besser vielleicht nur im Ruhrstadion sind, deutlich mehr drin gewesen wäre. Nun ja, bei dem Spiel war es allerdings auch nicht so richtig verwunderlich, dass wir da supporttechnisch kein Feuerwerk abgebrannt haben. Zum Spiel sag ich hier jetzt auch nichts weiter, da wurde bereits genug zu gesagt und ist für mich ehrlich gesagt auch kein Thema mehr. Einzig, dass es definitiv verdient war in dieser Höhe zu verlieren und wir gefühlt nicht einen verdammten Schuss aufs Tor hatten. Nun gut.

Man trat also erneut die Heimfahrt ohne Punkte und dafür mit der Hymne Wattenscheids an. „Auswärts ist man asozial“ wurde mit einem Stop bei dem großen M dann zu „Auswärts isst man asozial“ umgemodelt und mal wieder die Bundesstraßen mit feinstem deutschem Hiphop und natürlich Killermichel beschallt. Kinners, fahrt mit uns auswärts, das ist echt ein Fest.

Ehrlich gesagt hab ich nun auch so lange für den Text gebraucht, dass mir gar nicht mehr viel dazu einfällt. Eigentlich schade. Aber ich versuche das bei Sandhausen dann doch wieder zeitnaher hinzubekommen und schließe das hier auch nur der Vollständigkeit halber ab. Ich gelobe Besserung. Naja, ich versuchs jedenfalls.

Diese Saison dürfte sich allerdings auch bessern, wobei es wohl eine dieser bleiben wird, in denen wir uns fragen, warum wir den ganzen Scheiß eigentlich machen. Der einzige Lichtblick? Normalerweise liefern die Saisons, die auf genau solche folgen, immer die Antwort darauf.

Genießt die restlichen Tage der Länderspielpause. Für mich gibt’s diese Woche noch nicht wieder Fußball und demnach sehen wir uns in Sandhausen. Bis dahin.

 

 

 

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