Archiv für den Monat August 2015

„Auserkauft“ – das V steht für Heimsieg

Der magische FC in Leipzig. Eines der im Vorfeld vielleicht meist diskutiertesten Spiele der zweiten Liga in dieser Saison, doch da sich die meisten Diskussionen ja doch eher auf die alberne Berichterstattung rund um das fehlende Logo der Leipziger, die Empörung, Beipflichtung oder sonstigen Reaktionen auf diese Berichte beschränkten, war vielleicht doch gar nicht so viel Wind um dieses Spiel. Nun ja. Letzte Saison hatte man ja doch einiges rundum die Kontrollen, das Stadion, generell die Auswärtsfahrt gehört, doch ich wollte mir dann gern selbst ein Bild machen – also ging es auf nach Leipzig.

(An dieser Stelle ein kurzer Einwurf: Bei der Suche nach Mitfahrern hab ich unglaublich viel Hilfe, durch Vorschläge, Weiterverbreiten und zum Teil einfach auch Zuspruch erfahren und dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken! )

Es war früh. Extrem früh. „Die 4 steht vorne“-früh, als es für mich hieß, dass ich die Federn zu verlassen hatte, um mich rechtzeitig auf den Weg zu machen, doch interessanterweise ging das trotz knapp 4 Stunden Schlaf recht gut. Dieses Mal hab ich dann auch an den Schal gedacht und um halb sechs ging es dann los, ab auf die Autobahn, ab grobe Richtung Leipzig.

Wir kamen extrem gut durch und waren nach guten 4 Stunden dann doch schon in Leipzig gelandet, wo man sich den Gedanken, dass ein, zwei Stunden mehr Schlaf drin gewesen wären, dann doch nicht ganz verkneifen konnte. Der in dem äußerst hilfreichen Polizeibrief an die Gästefans ausgewiesene Gästeparkplatz war schnell gefunden – die restlichen Fans allerdings eher nicht. Komisch. Wir waren ja auch drei Stunden zu früh.

Sind da, wer noch? (Offensichtlich niemand) #RBLFCSP

Es ging also dann zum Stadion. Gut, dass wir den direkten Weg hätten nehmen können: geschenkt, so ging es also einmal außen herum und das zum Glück zu einem Zeitpunkt, zu dem die Einsatzleitung der Polizei vielleicht noch gezögert hat, ob es nicht vielleicht einen wichtigeren Einsatzort in Sachsen geben könnte, soll heißen: Wir waren einfach vor dem Großaufgebot der Polizei am Stadion und konnten eben noch unbehelligt um das Stadion herum laufen.

Es galt schließlich, sich die Zeit bis zur Öffnung der Gitter (waren es wirklich, Drehgittertore) zu vertreiben und wenn man sich das Geschehen und die Leute, die sich bisher, außer den vereinzelten Sankt Paulianern, dort umher trieben, genauer ansah, kam man doch wirklich nicht umhin zu vermuten, dass sich einige der Stiernackenordner wohl geradezu wünschten, ein paar der Braun-Weißen aufmucken zu sehen.

(Ganz böse Zungen vermuteten, man hätte sie von anderen Vereinen übernommen und würde sie hier für das bezahlen, was sie vorher eben in Kutten getan hätten.)

War natürlich alles Blödsinn. Dort wo wir uns aufhielten, blieb außer gelegentlichen Fluchtversuchen vor den wahren Störenfrieden in schwarz-gelb (gut, die Viecher haben auch Flügel! Und viel wesentlicher: Stachel.) alles ruhig. Wer hätte das gedacht.

Extrem stark fand ich an dieser Stelle auch, dass man eben Schnecke Kalla mit uns vor dem Stadion warten sah, der offensichtlich mit ein paar Freunden zum Spiel nach Leipzig gefahren war. Lustig auch, die Konversationen die man da so mitbekam (ich bin nun mal viel zu schüchtern um selbst eine zu führen), denn ich war mir nicht ganz sicher ob da ein „Quatsch unsern Leistungsträger Schnecke nicht voll“ oder doch ein „Schneeeggee, quatsch unsern Leistungstrinker nicht voll“ gefallen war. So oder so: Extrem coole Aktion, es ist immer stark, Spieler mit im Stehblock zu haben, auch wenn ich Schnecke natürlich noch viel lieber auf dem Feld sehen würde.

Ins Stadion ging es dann schließlich über die Treppen die Böschung hoch, die an den Geländern zum großen Teil von Polizisten flankiert wurden. Nach kurzer Diskussion, woran die uns wohl hindern sollten, fanden wir die Antwort im „Blümchen pflücken“ und mussten dann weitere Gespräche vorerst einstellen, um den Atem für den, auf den Aufstieg folgenden, Abstieg und wiederum Aufstieg ins Stadion zu sparen.

An dieser Stelle ein kurzer Einwurf zum Stadion: Ich finds nicht schön. Ich mags nicht, es gefällt mir nicht. Mir gefallen Stadien wie in Bochum, Darmstadt und ja, auch in Siegen (was ja das Böllenfalltor im Prinzip in ein bisschen größer ist). Das hier ist mir einfach zu … fancy. Und es hat nur Sitzplätze, disqualifiziert sich damit also schon per sé. (Man lese dies mit einem Augenzwinkern) Hauptsächlich fand ich aber die ganzen Treppen unnötig.

Man fand sich auf irgendwelchen Plätzen ein, da die Platzwahl ja zumindest nicht eingeschränkt ist und ich stellte mit Ernüchterung fest, dass ich nicht mal von hier alles sehen konnte. Allerdings standen wir direkt unter dem Mittelpunkt der Stimmung, die Trommeln diktierten den Herzschlag – hier fühlte ich mich wohl.

Nun gut, es ging auf den Anpfiff zu und die Mannschaften kamen aus diesem rauchenden Etwas von Tunnel, wo man sich kurz fragen musste, ob das wirklich Absicht war, oder doch etwas in Flammen stand. Schien gewollt zu sein, was noch mehr in das Bild des „Event-Fußballs“ passte. Lasst mich dazu kurz ein paar Worte sagen – wem das zu ausgelutscht ist, der scrolle einfach zum nächsten Absatz. Ich kam schlicht und ergreifend nicht umhin, das Stadion nicht als reines Fußballstadion zu sehen. Ja, mir fehlten die Stehplätze. Selbst in der ersten Liga gibt es doch eigentlich kaum noch (mir fällt gerade nur eines ein, korrigiert mich, wenn ich falsch liege) reine Sitzplatzstadien, von der zweiten Liga gar nicht zu sprechen. (Dennoch: Lässig, dann wenigstens einen Teil der Sitzplätze zum Stehplatzpreis zu verkaufen)  Irgendwie wirkte es einfach mehr wie ein „Mehrzweck“-Stadion und erinnerte mich an meinen persönlichen Antichrist der Zweitligastadien, der sich nun mal in Düsseldorf befindet. Aber auch dieser Rauch aus dem Tunnel beim Eintreten der Mannschaft – puh, reine Effekthascherei, für mich an dieser Stelle vollkommen überflüssig und den Punkt des „Eventfußballs“ nochmal dick unterstreichend. Aber – ich muss ja nicht wöchentlich hin und mir dann eventuell sogar noch ein „Danke“-„Bitte“ anhören, von daher sei das Thema für mich erledigt.

Die Mannschaften kamen also aufs Feld und stellten sich gleich mal zur Schweigeminute auf, die … nun ja, wohl nicht unbedingt so schweigend verbracht wurde, wie sich einige das vielleicht gewünscht hätten. Ich persönlich fand es sehr stark, dass sich „Siamo tutti antifascisti“ so schnell und so lautstark im Gästeblock ausbreitete und nahm es beim „Rewatching“ des Spiels wohlwollend zur Kenntnis, dass es auch an der Flimmerkiste noch ziemlich laut war. Manche Taten und Äußerungen sollte man einfach nicht vergessen, auch wenn die gleiche Person vielleicht für den Fußball später noch einiges erreichen konnte. Ich mochte diese Geste und war auch erstaunt, dass nur wenige Medien ein großes Ding daraus machten.

Das Spiel also. Mit Sobiech kehrte zumindest einer der Invaliden in die hintere Reihe zurück, Halstenberg fehlte weiter und Deichmann saß wieder auf der Bank. Buchtmann stand – zu meiner Überraschung – nach seiner Einwechslung gegen Fürth nun von anfang an auf dem Platz und es versprach spannend zu werden, ob er schon fit genug für die 90 Minuten war. Ansonsten blieb die Mannschaft unverändert zum vorigen Spieltag. Leipzig begann ziemlich furios und für einen Moment wurde aus meinem „Ich habe absolut keine Ahnung, was ich von diesem Spiel erwarten soll“ ein „Die spielen uns an die Wand“, allerdings sahen die Bhoys in Brown das ein wenig anders und hielten recht gut dagegen. So blieben dann auch die – zugegeben großen – Chancen von Rosberg, Bruno und Teigl innerhalb der ersten zehn Minuten glücklicherweise ohne Konsequenzen.

Glück war definitiv in den ersten Minuten dabei und man erwischt sich doch immer wieder bei dem Gedanken, dass wir ein solches Spiel in diesen ersten Minuten letztes Jahr zur gleichen Zeit ziemlich sicher schon verloren hätten. Ja, hätte man wohl, aber das liegt sicherlich nicht nur daran, dass man eben letzte Saison doch einfach jede Pechsträhne mal kämmen wollte, an der man vorbei kam, sondern einfach auch, dass man hier eine Mannschaft sehen konnte, die in der Verteidigung nicht vollkommen kopflos agierte, Bälle klärte und das auch nicht immer nur durch hemmungsloses „nach vorne Pöllen“, sondern eben auch im Zweikampf, den Ball halten und dann aufbauend nach vorne spielen. Hey, Jungs, das macht ihr gut. Macht weiter so!

Dass ich also nicht bei jedem Ball der in unseren Sechzehner kam, direkt dreieinhalb Herzinfarkte bekam, lag genau an diesen Aktionen: Sie konnten solche Situationen klären und das sicher, ja geradezu souverän. Mit jeder Minute im Spiel meiner Meinung nach sogar ein bisschen selbstbewusster. Klar, zwischendurch musste immer mal wieder Himmelmann zur Hilfe eilen, aber auf unseren Schlussmann ist diese Saison bisher einfach Verlass, sodass das ganze Treiben da unten auf dem Grün wirklich ordentlich aussah.

Hatte Ratsche eigentlich so bis zur Hälfte der ersten Spielzeit mehr oder weniger die einzige wirkliche – aber gute! – Torchance, so muss man bei der Masse der Leipziger Chancen dann dennoch ein bisschen von Glück reden, dass da manchmal auch der Pfosten einfach im Weg stand, wenn Himmelmann nicht mehr dran kam. Aber: Alles cool. Alles easy, es stand noch die Doppelnull.

Mit der war man dann aber irgendwann nicht mehr zufrieden. Ab Minute 30 sahen das wohl auch die Kiezkicker so und drehten ein wenig auf. Alushi und Nehrig kamen zu Chancen, die zum Teil auf der Linie geklärt werden mussten, bis Thy kurz vor der Halbzeit einfach genau das Richtige machte: Wenn man nicht weiß, wohin mit dem Ball, ist der Weg ins Tor eigentlich kein schlechter. Das schien er sich auch zu denken und versenkte den Ball, der von Ratsche weitergeleitet worden war (ich kam nicht umhin zu denken, dass letzte Saison Thy nicht dort gestanden hätte, wo Ratsches Ball dann aufkam), eiskalt im Netz. Thy, Thy, LENNY THY!

Insgeheim freute ich mich ja nicht nur über das Tor, nun gut, das stand natürlich im Vordergrund, aber auch darüber, dass mir niemand vorwerfen könnte, ich hätte das Thy-Sitting nicht so ernst genommen, wie versprochen. Ha! Das Ginczek-Trikot bringt also entweder Glück oder @Fangirl1910 und ich müssen dann doch mal die Fangirl-Pflichten hin und wieder tauschen. 😉

Wenn man jetzt schon unerwartet führte, wollte man die drei Punkte natürlich auch nicht wieder hergeben, dementsprechend wenig begeistert nahm ich den Wechsel Red Bulls zur Halbzeit hin: Poulsen für einen Innenverteidiger. Nuuun. Das wurde ein bisschen offensiver. Und es dauerte auch gar nicht lange, bis mir dann doch mal heraus rutschte, ob nicht irgendwer mal Poulsen umtreten könne. Friedliches Ding, ich.

Tatsächlich öffneten sich durch die offensivere Ausrichtung der Leipziger dann doch einige Wege mehr für die Braun-Weißen und insbesondere Sobota hätte den Ball wohl gerne im Tor versenkt, wäre er ihm nicht noch ein wenig zu weit nach vorn gesprungen. Generell machte Sobota aber ein bärenstarkes Spiel, gerade auch auf dem Weg nach vorn und im Zusammenspiel mit Thy und Ratsche gefiel mir das richtig gut was er da ablieferte. Thy selbst zeichnete eine Laufbereitschaft aus, dass es verwunderlich war, dass er bis zum Abpfiff gut mithielt. Buchtmann hatte sich auch erstaunlich fit gezeigt und wurde erst in der 78. Minute durch Choi ersetzt. Schön, ihn wieder fit zu sehen!

In den letzten Zügen des Spiels war es beinahe ein wenig ärgerlich, dass Alushi es nicht noch deutlicher und früher fix machen konnte, allerdings darf auch nicht vergessen werden, dass der ein oder andere Angriff der Leipziger einfach nicht gut genug zu Ende gespielt und dann doch ab und an weit über das Tor abgeschlossen wurde. Am Ende war es dann doch wieder Himmelmann, dem der Dank gilt, den Sieg am Ende fest zu halten, da es in der letzten Minute – natürlich! – noch einmal ziemlich brenzlig wurde. Nach 5 Minuten wurde dann endlich abgepfiffen und wir konnten die wohlverdienten 3 Punkte mit nach Hause nehmen.

Mal abgesehen vom chronologischen Spielverlauf: Irgendwann in der Mitte des Spiels vermeldete der Stadionsprecher dann ein ausverkauftes Haus. Oder nein: Ein auserkauftes Haus. Nein, ich kann mir einen Scherz dazu nicht verkneifen und nein, ich konnte auch nicht um den Titel dieses Beitrags herum kommen, es war in dem Moment einfach durch mehrere Aspekte viel zu lustig. Erstens: Natürlich der offensichtliche Rechtschreibfehler auf den Bildschirmen. Zweitens: Am A… Im Leben war das Stadion nicht ausverkauft. Überall waren freie blaue Sitze zu sehen und soweit es mich betrifft, ist „ausverkauft“ so definiert, dass alle Plätze belegt sind. Hier war es dann wohl doch eher „alle Plätze zumindest verkauft“ und wenn Red Bull selbst den Restbestand nachher noch aufkaufte, damit man gegen die kultigen Paulis das erste Mal ausverkauft melden durfte. Nein, da kann ich mir auch nicht verkneifen, dass das „v“ wohl Beigabe zur verkauften Seele war, als man Red Bull alles übernehmen ließ. Aber das ist bei den Vereinsdebatten der letzten Tage und den lustigen Blogartikeln, dass der FC St. Pauli ja durch die Abgabe der Marketingrechte zur Abwendung der Insolvenz vor fast 10 Jahren eigentlich genauso ist wie RB. Ach Mensch, lernt doch erst mal, wie euer eigener „Verein“ strukturiert ist, bevor ihr euch an sowas wie verkauften Marketingrechten aufhängt. (Musste raus, sorry.)

Nun gut. Das Spiel war rum, die Stimmung erstaunlich gut dafür, dass wir ja nun mal auf den Sitzplätzen im Oberrang einquartiert worden waren und für mich waren auch erstaunlich viele Leute da. Die Leipziger hatten natürlich zum Teil schon recht früh das Stadion verlassen und Ewald kam wie gewohnt natürlich noch einmal zum Gästeblock. Ich freue mich einfach mit jedem Spiel mehr, dass dieser Trainer es letztes Jahr geworden ist und hoffe, dass es noch lange so bleibt und wir vielleicht an diese ersten Erfolge der Saison anknüpfen können. Ich jedenfalls bin derzeit über allen Wolken, weil ich nach dieser letzten Saison jedes Spiel dreimal mehr genieße. Und gerade, wenn ich weiß, dass ich nur einmal wirklich in den Osten fahren muss, statt 13 mal.

Eines bleibt aber noch zu sagen: Nach den ganzen Horrorgeschichten von letzter Saison fand ich davon nur wenig dieses Jahr bestätigt. Die Ordner mit denen wir dann beim reingehen zu tun hatten schienen extrem korrekt, teilweise wünschte man uns den Sieg und auch die Getränke waren bis auf den Pfand jetzt nicht dermaßen überteuert (Apfelschorle, though!). Weiterhin positiv aufgefallen ist das Banner der Leipziger „Scheiß Heidenau, Scheiß Sachsen, Scheiß Nazis!“, das im Block gezeigt wurde. Von einigen hörte ich, dass es ja auch schön gewesen sei, mal kein „Scheiß St. Pauli“ gehört zu haben, allerdings kam es mir gerade beim Anschauen der Sky-Wiederholung so vor, als wäre auch das zwischendurch gefallen. Aber: Ich hatte extrem viel Freude daran, endlich mal einen Verein durch und durch „kacke“ finden zu können und dem auch Ausdruck zu verleihen. Sonst gibt’s ja echt in der Liga viel zu wenig Hass.

Jo, äußerst erfolgreiche Auswärtsfahrt also. Und wie geil is‘ das bitte, sich nicht ärgern zu müssen, wenn man vom Spiel wieder weg fährt, weil es die nächste Woche direkt wieder zum Spiel geht? Ui, ich freu mir.

Man sieht sich dann also in Frankfurt. Mit schönem Wetter wie immer. Und vielleicht da endlich mal einem Auswärtssieg!

Bis dahin 🙂

 

Weiterhin zum Spiel haben gebloggt:

4.Spieltag (A) – RB Leipzig

2.Bundesliga: RB Leipzig vs. FC St. Pauli 0:1

https://kleinertod.wordpress.com/2015/08/24/auswaertsdreier-logo-vom-fcsp-in-leipzig/

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Getaggt mit ,

Auswärtsfahrt zum Millerntor?

Moin! Ich bin zwar jetzt nicht mehr in Hamburg, allerdings auch noch nicht wieder zuhause sondern irgendwo auf dem Weg dazwischen. Also einfach; Moin aus Hamburg.  Ich hätte sogar schon einen richtig guten Titel gehabt, aber nein, die Borussen – keine Spezifikation nötig, da gibt es nur eine richtige Wahl – hatten da wohl was gegen. Und meinen Plan, Granit Xhaka einfach mal am Millerntor zu behalten und ihn mit Marc Rzatkowski Doppelsechs spielen zu lassen, werde ich wohl auch nicht so wirklich durchsetzen können. Was bleibt also?

Nun gut. Ich war also in Hamburg. Eigentlich bin ich ja eher der Auswärtsfahrer, wobei „eher“ gut ist, von allen Spielen des magischen FC, die ich bisher gesehen habe, waren ganze zwei am Millerntor. Sehr dürftig also, aber das muss ja nichts heißen. Die Auswärtsspiele sind nur meist leichter zu erreichen, weil man eben nicht Transport, Schlafplatz und nochmal Transport organisieren muss, wenn man mal eben nach Kaiserslautern fährt oder so. Heimspiele sind und bleiben damit für mich etwas wirklich besonderes und die beiden die ich nun gesehen habe, waren auch gerade des Gegners wegen noch einmal besonderer für mich: Mein Millerntordebüt gab ich gegen Union (3-0), was einfach ein herrlicher Fußballtag war. Und nun ging es gegen die Jungs vom Niederrhein und ich weiß ja nicht, ob ihr es vielleicht geahnt oder gar vermutet habt, aber die mag ich so ein bisschen. Ein kleines bisschen mal 34.

Wenn also der Herzensverein (denn das Herz bleibt braun-weiß!) gegen die Zweitmannschaft mit dem Lieblingsspieler (wusstet ihr auch noch nicht, oder?) spielt, muss man da natürlich hin. Die Karte und Tickets für die Busreisen wurden gekauft, der Schlafplatz organisiert und dann konnte es los gehen. Die Fahrt vertrieb ich mir mit diversen Podcasts, unter anderem damit den Millernton endlich mal zu Ende zu hören & die vdS Folge direkt noch nachzuschieben, die für mich durch zwei sehr sympathische Gesprächspartner bestach. Klasse, so kann man ankommen.

Zwar fiel das Treffen mit den Nebenstehern aus Darmstadt vor dem Spiel vorerst doch aus, aber ich war am Millerntor. Am fertigen Millerntor. Zuhause sozusagen, auch wenn ich dachte, schon am Donnerstag wieder zuhause angekommen zu sein. Man nahm also seine Plätze auf der Gegengerade ein und harrte der Dinge, die da wohl oder übel kommen würden.

Ich hatte ja mit aller Kraft versucht, das Spiel so anzugehen, wie das in Kaiserslautern letzte Saison: Sich die ganze Zeit erzählen, dass man keine Chance hat und den Gegner dann mal eben mit zwei Sahnetör(t)chen nach Hause schicken (wobei die ja schon zuhause waren, aber…). Nun. Scheinbar funktioniert das nur, wenn dieses doofe Stück von Hoffnung sich auch wirklich mal Urlaub nimmt und sich nicht muckelig im Hinterkopf einnistet und sich mit dem Unterbewusstsein zu deckt.

Ja, ich hatte ein bisschen Hoffnung, dass wir das gewinnen können. Es sprach schließlich nicht alles gegen uns: Wir waren der beste Amateurverein den Gladbach kriegen konnte und damit meine ich nicht nur, dass wir ziemlich toll sind, sondern von der Platzierung her tatsächlich der best mögliche Amateurverein waren – wobei Amateur natürlich so eine Sache ist. Außerdem hatten wir schon zwei Spiele absolviert, gerade das letzte Spiel gegen zwar derzeit schwächelnde Karlsruher bot da der Hoffnung dann auch noch das Kopfkissen, um es sich richtig gemütlich zu machen: Man hatte zwar ordentlich kämpfen müssen, aber das Spiel war gewonnen worden. Warum also nicht nochmal so?

Nun, der größte Zweifel war wohl der Kader für das Spiel. Beide Torschützen aus dem Spiel gegen Karlsruhe würden fehlen, noch dazu waren mit Halstenberg und Sobiech eben jene Torschützen der eigentlich wirklich massive Teil unserer Abwehr. Schiet. Kann man nichts machen, als auf Kalla bauen, Buballa für ein Spiel mal weiter nach hinten zu ziehen und auf Ziereis hoffen.

Aber wären wir der magische FC, wenn auch nur eines mal so laufen würde, wie geplant? Nein, also musste Kalla dann natürlich noch beim Aufwärmen ausfallen, indem er sich einen Muskelfaserriss im Adduktorenbereich zuzog. Wer auch immer da am Verletzungsglücksrad dreht, packt mal ein anderes Vereinswappen auf die Abschussliste, bitte!

So sah dann ungefähr auch unsere Ersatzbank aus, auf der neben Ante Budimir, John Verhoek und Phillip Heerwagen mit Nico Empen, Maurice Litka, Joel Keller und Yannick Deichmann sehr junge Spieler Platz nahmen, auch wenn, Litka  und Empen bereits mit einem Profivertrag ausgestattet sind. Fand ich persönlich bemerkenswert, dass neben den „Stammkräften“ eben so viele Jungs aus der U23 oder gerade auf dem Sprung in die Erste als Reserve auf der Bank saßen. Aber klar: Bei so vielen Verletzten und eigentlich nur einem wirklichen Neuzugang bisher, der ja bekanntlich auch ausfällt (Ryo Myaichi, Kreuzbandriss) müssen die Spieler ja irgendwo herkommen.

Blieb also nichts, als auf Ewald zu vertrauen, der schon wissen würde, was er da tut. Das wusste er schließlich auch, als er das Feld betrat und wieder alle vier Seiten des Stadions nochmal begrüßte und auf das Spiel einschwor. Eine schöne Tradition, die er aus der letzten Saison beibehalten hatte und auf die die Gladbacher meiner Meinung nach sehr schön reagierten: Sie winkten Vereinslegende Ewald kollektiv zu, was mir ein Grinsen entlockte. Ich mag sie halt, die Gladbacher. Da kann ich mir das auch nicht beim Spiel gegen sie verkneifen.

Lauter als sie sein, wollte ich trotzdem. Und so sang ich mir bei „Das Herz von St. Pauli“ die Seele aus dem Leib und bekam das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Schwenkte meine rote Fahne zum Leidwesen der Umstehenden (Was seid ihr auch alle größer als ich, da kann ich ja nichts für!) voller Inbrunst. Zappelig und aufgeregt. Doch, jetzt war ich wieder angekommen.

Und dann kamen sie alle rein, die Gladbacher weihten die Nord mit grünem Rauch ein und wir versanken unter einem Fahnenmeer, das doch richtig schick aussah, wenn man sich die Die nördliche Hälfte des Millerntor.Bilder von dem Spiel nachträglich so ansieht. Schnieke!

Als es dann endlich los ging, fing ich an die Sekunden zu zählen. Jede Sekunde ohne Gegentor verbuchte ich als gewonnene Sekunde und wurde tatsächlich von einer Mannschaft in rot überrascht (ja, auch das Rot hatte mich ziemlich überrascht), die erstaunlich gut dagegen hielt. Mal von gelegentlichen „Lass bloß nicht Xhaka aus der zweiten Reihe schießen!“, „Bleib bei der 34!“, „Thy! Ja woll, lass Xhaka nicht allein! Sehr gut!“ Rufen war ich vielleicht sogar fast entspannt.

Gut, das ist wohl etwas übertrieben, aber ich war wirklich zufrieden mit der Leistung der Mannschaft, die nur wenige echte Chancen der Borussen zuließ. Zwar nistete sich im Hinterkopf im Bett gleich neben der  Hoffnung auch die Gegentorangst ein, die es sich mit jeder verstrichenen Minute hämischer grinsend gemütlich machte, aber an sich lief das doch schon ganz gut. Philipp Ziereis machte seinen Job in der Innenverteidigung neben Nehrig exzellent, schaltete flink um und schickte dann auch Waldemar Sobota schon mal überraschend schnell mit Nehrig nach vorne.

Und als ich dann gerade dachte, dass wir jetzt bloß nicht zusammenbrechen dürfen, scheppert Ratsche das Leder dann einfach mal unter die Latte. Was? Waas? WAAAS? So richtig begriffen hatte ich nun nicht, wie das zu Stande gekommen war, aber ich sah nur wie Ratsche schoss, verlor den Ball dank „zu kurz an zwei Enden“ aus den Augen bis er im Tor zappelte und ich wohl am liebsten eigenhändig jeden einzelnen Menschen in diesem Block umarmt hätte.

War das grad wirklich passiert? Ach du scheiße. Der kleine FC St. Pauli hatte die große Borussia aber gewaltig am falschen Fuß erwischt. Es wurde sogar gemunkelt, dass Ablenkung im Spiel war.

Ich? Ach quatsch! Oh, jetzt werd ich rot.

Es ging mit der 1-0 Führung in die Pause und so richtig glauben konnte ich das eigentlich nicht, obwohl die letzten Minuten in der ersten Hälfte nicht mehr nur „Ganz gut“ sondern richtig stark von den Boys in Brow… Red waren. Genial. In der Pause ertönte dann auch unüberhörbar „Antifa Hooligans“, wo ich mir dann doch die Halbzeitgespräche der Interviewer gern mal anhören würde. Und dann ging es eigentlich auch schon wieder weiter. Mit dem gleichen Elan?

Elan ja, aber scheinbar hatte Lucien Favre es geschafft, den elf Mannen vom Niederrhein innerhalb von 15 Minuten Fußball zu erklären und dabei leider nicht auch irgendeinen Fußball sondern „Auf auf auf in die Champions League“-Fußball. Well. Danach lief dann nicht mehr viel, wobei, doch, wir dem Ball hinterher aber sonst nicht allzu viel von unserer Seite. Die Gladbacher waren am Drücken, mein Gebrüll bloß Xhaka nicht zu viel walten zu lassen wurde lauter, wobei ich mir vielleicht doch lieber Gedanken um Ibrahima Traoré gemacht hätte. Der lief nämlich gerade samt Ball einfach mal allen davon, sieht Lars Stindl, übergibt den Ball an Lars Stindl und macht das Tor. Grmpf. Nein, ehrlicher wäre: GRmrpfrnrhverdammteScheißenochmalgrmpmfk.

Das war jedenfalls ungefähr der Inhaltsquerschnitt von den Ausrufen, die ich von mir gab. Die Gegentorangst in mir lachte hämisch und schlug der Hoffnung mit dem Kochlöffel hinter die Ohren. Gemein.

Und noch viel gemeiner war, dass ich mich nicht mal lang genug ärgern konnte, da hatten die zwei von eben die Idee doch mal tauschen zu können, also legte Traoré auf Stindl, der wieder auf Traoré und der leider ins Netz. JalecktsmidoamArsch.

Und das was so gut angefangen hatte, ging dann innerhalb von drei Minuten in ein „Wir laufen der Führung hinterher aber sie war schneller“ über, von wo an Gladbach einfach mehr oder weniger das machen konnte, wozu sie gerade Lust hatten. Was nicht heißen soll, dass kein Elan oder Kampfgeist mehr in den Boys in Brown-Red steckte, im Gegenteil: Wo mich letztes Jahr das Spiel so richtig richtig wurmte, ging es hier noch, weil man schlicht und ergreifend sah, dass die Borussen deutlich besser waren. Schneller, besser, effizienter und eigentlich immer in Ballbesitz. 1 1/2 Ligen besser halt.

Es folgten noch zwei weitere Tore und ich bin der absoluten Überzeugung, dass das an den roten Hosen lag. Die konnten doch nicht gut gehen! Mensch. Insgesamt fand ich persönlich das Ergebnis zwar vielleicht um ein Tor zu hoch, aber durchaus verdient. Die Gladbacher hatten für mich zu einer sehr schönen Atmosphäre beigetragen und ich fand, dass man sie auch recht gut hören könnte, auch wenn ich hörte, dass das im Fernsehen wohl anders war.

Man beendete das Spiel mit einem schallenden You’ll Never Walk Alone und ich freute mich darüber, dass zumindest Maurice Litka noch ein wenig Pokalluft hatte schnuppern dürfen, weil er noch für Choi ins Spiel gekommen war. Insgeheim freute ich mich auch ein wenig, dass Granit Xhaka nach einer Verletzungsunterbrechung unter lauten Pfiffen wieder aufgestanden war und weitergespielt hatte, bevor er schließlich auch ausgewechselt wurde, weil es eben der Lieblingsspieler außerhalb der eigenen Mannschaft ist. Kann man nix machen.

Was mich besonders erfreute war, wie respektvoll man eigentlich miteinander umging. Die Gladbacher wurden von uns genauso mit Applaus verabschiedet, wie unsere Jungs vom Gästeblock – jedenfalls teils – und Ewald verabschiedete natürlich auch die Gladbacher Fans, die das winkend und rufend quittierten. Ganz los lässt die „alte Liebe“ wohl nicht, aber das soll sie auch gar nicht. Ich fands eine schöne Szene und einen sehr schönen Abschluss für ein Spiel, das gar nicht so schlecht war, wie das Ergebnis anmuten ließe.

Aber liebe Fohlen, dann geht ihr jetzt auch da raus und lasst euch dieses Mal nicht von einem Drittligisten kegeln, ja? Gewinnt das Ding. Ich würde mich freuen.

Freuen werde ich mich auch auf mein erstes Auswärtsspiel dieses Saison, auch wenn ich mir anfangs nicht ganz sicher war, ob ich hinfahre. Aber: Leipzig, mach dich auf was gefasst.

Jetzt rocken wir halt die Liga. Aber „Welcome To Hell of St. Pauli“ bleibt mir noch ein bisschen im Ohr.

Bis dahin, Forza!

 

Couchgepöbel international!

FOOTBALL, FUCKIN FOOTBALL.

Innenansicht Estadio do Pacaembu

Eigentlich ist mein Chef Schuld an der ganzen Misere. Ehrlich! Weil sich unsere Urlaubsplanungen überschnitten, musste ich meinen Urlaub nach hinten raus verlängern, konnte aber nicht, wie eigentlich geplant, die ganze Zeit in Brasilien verbringen und musste mir demnach noch ein weiteres Ziel suchen – denn, für nur 10 Tage, von denen zwei eigentlich auch eher zur Anreise als allem anderen gehören, die mehreren Tausend Kilometer fliegen? Nein. Das ging ja nicht. Was anfangs als Spinnerei mit „Ich könnte ja … haha“ begann, wurde dann tatsächlich Wirklichkeit: Die Flüge waren gebucht, 10 Tage Brasilien, 10 Tage Argentinien und ich machte mich auf die Socken.

FC St. Pauli - international!

Ich weiß ehrlich nicht, wie oft ich von den jeweiligen Einwohnern der beiden Länder gefragt wurde, WARUM ich genau hier hergekommen bin. Naja, die meisten konnten es nicht wirklich verstehen, denn abgesehen davon, dass ich in Brasilien endlich eine sehr gute Freundin nach drei Jahren wiedersehen konnte war für mich der größte Grund der Fußball. Ja, mag nicht jeder verstehen, aber ich glaube wenn ich irgendwo auf Verständnis hoffen kann, dann in dieser verrückten Fußballrunde hier, also kann ich gut damit leben. Könnte ich auch ohne, aber .. lassen wir das.

Mein erster Stopp war also in Brasilien, genauer gesagt in Sao Paulo. Verdammt nochmal, diese Stadt hat ungefähr die Ausmaße NRWs. Ich als Landei und Dorfkind begab mich also mehr oder weniger auf ein riesiges Abenteuer, gerade weil einem ja von allen Seiten eingeschärft wurde, dass man im Prinzip hinter jeder Hausecke einfach erstochen werden kann, wenn man sich in irgendeiner Weise falsch verhält. Gut. Ich, dann doch eher blauäugig-naiv, nahm mir das alles zu Herzen ging aber mit der mir vertrauten „Wird schon nix passieren“-Haltung an alles ran. Was manchmal ein bisschen schwer fiel, weil die Panikmache doch extrem war. Ganz besonders vor dem ersten Spiel.

Mich hatten sie alle für unzurechnungsfähig erklärt, als ich darum bat, ein Corinthians-Spiel zu sehen. Das stünde überhaupt nicht zur Diskussion und damit war die „Diskussion“, die keine war, eigentlich auch schon beendet. Ok. Das hatte ich zu akzeptieren, aber nach Brasilien reisen, ohne Fußball zu sehen? Am Ars… Nein, das mache ich nicht. Und was macht man dann, wenn man zu dem einen Verein nicht hin darf? Klar, man sucht sich den Erzrivalen.

PALMEIRAS – FC SANTOS

 Allianz Parque

Ein kleiner Klassiker. Das war schließlich das Spiel, auf das wir uns einigen konnten, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, die Karten seien verhältnismäßig sehr teuer. Darüber lachte ich. Und nach Argentinien wurde dieses Lachen manisch, aber dazu später. Die Karten, die uns in den Oberrang direkt über die organisierten Fans von Palmeiras führten, kosteten 60 Reais. Das sind keine 20 Euro. Kein Zwanni für ´n Sitzer oder so. Ja, gut, gesessen hat keiner, aber das tut nichts zur Sache. Das war ein Spiel der Kategorie „Teuer“. Verrückt. Ich komm da nicht ganz drauf klar, könnte mich allerdings an diese Preisklasse gewöhnen. Oh, wait.

Am Spieltag machten wir uns natürlich nicht zeitig auf den Weg, weil wir in den ganzen zehn Tagen vermutlich nicht einmal wirklich pünktlich waren, aber dass hier alles nach einem anderen Zeitplan läuft, daran musste ich mich eben erst einmal gewöhnen. Dennoch stieg mein Wohlfühlbarometer mit jedem Meter den wir näher zum Stadion kamen. Achja, das Stadion. Das liegt mitten  – MITTEN – in der Stadt, genau wie das der Corinthians und das ehemalige, geteilte Stadion Estadio Municipal auch. Ich habe keine Ahnung, wie das ganze abläuft, wenn die anderen spielen, aber hier hörte man schon von weitem diese unheimlich lauten, unglaublich schnellen Trommeln. Zwischendurch dachte man, die ersten Zündkörper würden ihre Wirkung entfalten, bei der Lautstärke, doch sicher bin ich mir da nicht.

Sicher war nur eins: Mit jedem Meter dem wir dem Stadion, den Straßen um es herum, den tausenden Fußballfans in dunkelgrün näher kamen fühlte ich mich wohler. Es war endlich ein Platz, an dem ich mich wohlfühlte. Scheißegal in welcher Stadt, unter Fußballfans fühle ich mich wohl, fühle ich mich zuhause. Da kann der Rest der Stadt noch so groß, so einschüchternd sein, hier geht es einzig und allein um den Sport (das ist natürlich nur in Teilen richtig, aber ich denke, ihr versteht, was ich meine). Was hab ich das vermisst.

Auch wenn meine Begleiter dauernd nachfragten, ob alles ok sei und mir versicherten, das sei wohl alles ziemlich anders als in Deutschland – ist es nicht – konnte mich nichts da heraus reißen. Man zog gemeinsam zum Stadion und dann hinein. Und siehe da – so ein neues Stadion hab ich persönlich noch nicht erlebt.

Tickets gibt es nur noch auf Karten im Scheckkartenformat. Die machten allerdings ziemliche Probleme, auch wenn mir bis heute noch keiner übersetzt hat, was das eigentliche Problem da darstellte, denn meine Kenntnisse in der portugiesischen Sprache beschränken sich im Wesentlichen auf das, was ich im Stadion gelernt habe. Höchst brauchbar im Alltag, also.

Nach der Ticketkontrolle muss man dann hoch. Oberrang, weit hoch also. Ja, gut, so komfortabel bin ich noch nie in den Oberrang gekommen, denn der nigelnagelneue Allianz Parque befördert dich mit Rolltreppen hinauf. Was sich beim Aufstieg als sehr angenehm empfinden ließ, entpuppte sich beim Abstieg nachher als absoluter Denkfehler: Wenn immer mehr Menschen von oben nachkommen, sie unten aber nicht ausweichen können, entsteht nun mal Chaos. Riesiges Chaos. Das war übrigens der einzige Moment, an dem mir ein wenig mulmig wurde, als ich da zwischen unzähligen Menschen an die Betonwand gequetscht wurde, bis endlich oben begriffen wurde, dass man vielleicht einfach mal ein paar Sekunden warten sollte, bis sich das Menschenknäuel am unteren Ende der Rolltreppe aufgelöst hatteAllianz Parque       Allianz Parque kurz vor Anpfiff

Aber genug vorgegriffen, wir nahmen oben unsere Plätze ein und die organisierten Fans unter uns legten los. Ich finds ja immer ein wenig Schade, wenn ich nicht verstehe, was gesungen wird, wer verhöhnt wird und so weiter, deswegen ließ ich mir abwechselnd von meinen Begleitern und anderen Umstehenden übersetzen, was so der Inhalt war, da der sich aber auf die Fußballliederinhaltsfloskeln beschränkte, muss ich zugeben, dass ich mir da nicht wirklich was von gemerkt habe.

Es geht aber einfach auch um viel mehr als den Inhalt. Unter uns dröhnten die Trommeln, ächzten unter den unfassbar schnellen Schlägen, das war wirklich etwas ganz Neues. Als vollkommen talentbefreiter Mensch in Sachen Musik & Rhythmus entlockt man mir zwar leicht so etwas, aber um das mal zu vertiefen: Die Leute, die bei Palmeiras da an den Trommeln stehen, heizen auch auf den großen Festalleen ein, wenn Karneval ist. Un-heim-lich schnell.

Und einfach mitreißend. Das ist wohl auch so ein Ding, das dazu beiträgt, sich zumindest ein wenig im Takt mitzubewegen, wenn nicht gar mit zu singen. Man kann gar nicht anders – also, ich schon, ich beschränkte mich dank der Sprachbarrieren auf die weniger netten Zurufe, die der Torwart der gegnerischen Mannschaft bei jedem Abstoß bekam, ist kürzer und konnte ich mir wenigstens merken –  man fiebert einfach mit.

Der Fußball den man zu sehen bekam … nun ja, ich hatte es nicht glauben wollen, als man mir im Vorfeld sagte, dass es absolut kein Vergleich zum deutschen Fußball sei, doch da muss ich nach diesem Spiel wirklich zustimmen. Santos zeigte sich unglaublich schwach, defensiv war das eine absolute Horrorleistung, Palmeiras war einen Deut besser und machte eben auch das entscheidende Tor mehr, aber auch das war eher mau. Tatsächlich war dieses Spiel eher mit einem der deutschen 2. Liga zu vergleichen, einem besseren daraus zwar, aber nicht wirklich in der Klasse, die man hier gewohnt ist.

Tat meinem Stadionerlebnis allerdings keinen Abbruch. Was ich aber zugeben muss: Das Stadion ist noch so geleckt und so neu, dass ich mich nicht mal traute, einen Sticker zu  kleben. Das musste dann vor dem Stadion dringend nachgeholt werden, versteht sich.

Und eines finde ich doch bei allem Modernisierungswahn wirklich ein wenig bisschen total schade: Die, für einen schadenfrohen Menschen wie mich, unheimlich lustigen Szenen, die natürlich eigentlich nicht lustig sind, aber irgendwie halt doch, wenn ein Spieler vom Platz getragen werden muss und erst mal den Hintern des Helfers im Gesicht geparkt bekommt – Anlass unlustig, Szene tierisch lustig, Gibt’s hier auf jeden Fall nicht mehr, die Helferlein kommen nämlich im Golfkart angerauscht, wobei das bei weiterem Nachdenken auch Potential für ziemlich lustige Szenen hat.

Palmeiras gewann. Zurecht, wie ich finde, sie waren definitiv  besser, auch wenn Santos sich in der zweiten Halbzeit ein bisschen mehr mit Gegenwehr brüstete, doch die stehen momentan einfach nicht so richtig gut dar. Nach diesem Spiel standen sie auf einem der vier Abstiegsplätze mit 13 Punkten aus 14 Spielen. Mittlerweile, Stand Spieltag 17, haben sie sich auf einen Nichtabstiegsplatz gerettet, allerdings auch nicht mit einer viel besseren Quote von 17 Punkten aus  16 Spielen. Palmeiras hingegen steht unverändert auf Platz 6.

Nach Abpfiff machte man sich an bereits erwähnten nicht ganz komplikationsfreien Abstieg in den Unterrang, doch was vorhin unerwähnt blieb: Es war unvorstellbar laut. Die organisierten Fans waren in die Treppenhäuser umgezogen, feierten den Sieg, malträtierten die Trommeln, ließen die ganze Ecke das Stadions erbeben und irgendwie hatte man plötzlich nicht mehr das Gefühl, von einem Fußballspiel zu kommen, sondern bei den Probeläufen für den Karneval zu sein. Es wurde getanzt, gebrüllt, gesungen – gefeiert. Die Schläge der Trommeln diktierten den Herzschlag, hallten im Bauch wieder und bewegten den Rest des Körpers im Takt.

Und dann, ganz langsam, leerten sich die grünen Massen wieder aus der Fußballoase heraus in diese große verrückte Stadt, wo an jeder Ecke Gefahren lauern. Mittendrin: ein faszinierter Fußballfan, deren Herz trotzdem ausschließlich braun-weiß schlägt und die wenige Meter vor sich ein SpVgg Greuther Fürth Trikot entdeckt. Die Welt ist halt doch klein.

HOW TO FUCK UP FUCKING UP THOUGH YOU ACTUALLY DIDN’T FUCK UP

 

Zweiter Stop: Argentinien. Die wunderschöne Hafenstadt Buenos Aires. Deutlich weniger gefährlich, aber immer noch definitiv nicht zu unterschätzen. Auch wenn ich einige Anlaufschwierigkeiten hier hatte, die hauptsächlich in meiner „Wird schon nix passieren“-Haltung begründet lagen (mit der ich leider doch falsch lag) und mich zu einer „Ist halt passiert, machste nix, lernste draus“-Haltung übergehen ließen, war es im Endeffekt eine unglaubliche Zeit. In der WG in die ich für die Zeit eingezogen war, stieß ich zwar auf keinerlei Verständnis, was meinen Fußballwahn anbetrifft („You’re going to the matches every two weeks? What? Not Homematches? You’re insane.“, die eigentliche Definition von Insane liefere ich allerdings später) allerdings half man mir bereitwillig.

Als ich also erklärte, dass ich gerne Barracas Central gegen Deportivo Morón sehen wollte, machten wir uns auf die Suche nach der Haltestelle für die unglaublicherweise von @JH_Gruszecki (riesen Dankeschön nochmal an dieser Stelle, falls du darüber stolpern solltest!) direkt empfohlene Línea 59 und ich wartete beruhigt auf den Samstag.

Die Zeit bis dahin vertrieb ich mir unter anderem mit einer lieben Mitbewohnerin mit dem Besuch des Estadio Monumental  von River – schon verdammt beeindruckend und sehr schade, dass ich zum falschen Zeitpunkt für ein Match da war – und dann war auch schon Samstag.

Da ich in San Telmo wohnte und Barracas nun mal südlich lag, stellte ich mich dann zwei Stunden vor Anpfiff an die Bushaltestelle mit dem Schild, das Süden und die 59 auswies. Alles gut. Meiner Nervosität wurde dann schließlich ein Ende gesetzt (haha)  als die 59 auch kam, ich einstieg und dem Fahrer, wie hier üblich, meine Zielhaltestelle nannte. Ich weiß nicht was da schief lief, ob es meine Betonung war, die Ähnlichkeit zu BarraNcas, auch wenn das eigentlich keinen Sinn macht, oder sonst irgendwas, er schaute mich ungläubig an, hielt an der nächsten Haltestelle, schob mich förmlich mit den Worten „59, otra dirección!!“ wieder hinaus und ließ mich ungläubig dort stehen.

Nun. Warum ich, wenn ich in den Süden will, nach Norden fahren soll, erklärte sich mir nicht, doch ich, gutgläubig, naiv, doof, wie ich manchmal bin, vertraute auf die Angaben, stellte mich auf die andere Seite und fuhr nach Norden. Eine Stunde lang. Dann wurde sogar ich stutzig.

Mit der Hilfe zweier wirklich netter – und englischsprachiger! Meine Sprachbarrieren hier lösten sich erst ab Montag auf – Kolumbianer, wurde ich dann wieder in den (von vornherein!!!) richtigen Bus nach Süden gesetzt und fuhr für 90 Minuten durch Gegenden, in denen ich vom Aussteigen lieber absah.

Den Anpfiff hatte ich natürlich schon verpasst, aber wenn ich mir etwas vornehme, bin ich zu stur, es einfach wieder aufzugeben. Immerhin könnte ich es pünktlich zur zweiten Halbzeit noch schaffen, das Stadion war schließlich nur wenige Minuten Fußweg von der Haltestelle entfernt. Mittlerweile war es dunkel geworden und ich geb zu, dass meine Schritte doch deutlich schneller wurden, als noch im Hellen, Barracas hatte zumindest den Anschein eines recht düsteren Industrieviertels und da hob sich wirklich nur das Stadion von ab. Schön bemalt und –  stockfinster.

Die drei Spieler, die gerade aus einer der Türen heraus traten schnappte ich mir dann gleich mal und fragte in gebrochenem Spanisch, ob denn heute kein Match sei.

Für das Spiel, sagten sie und konnten sich dabei ein mitleidiges Lachen nicht verkneifen, sei ich 6 Stunden zu spät. SECHS STUNDEN!

Immerhin begleiteten sich mich dann sehr galant zurück zur Bushaltestelle und versuchten, mir zu helfen, meinen Denkfehler zu finden.

Der lag ganz einfach darin, dass ich selbst, wenn ich nicht den richtigen, gefolgt von dem falschen, gefolgt von dem richtigen Bus genommen hätte, zu spät gewesen wäre, weil ich mich blauäugig auf den Zeitpunkt des Anpfiffs verlassen hatte, der in der Groundhopper-App stand. Dass das die deutsche Zeit war, darauf war ich natürlich nicht gekommen. Also – selbst wenn ich nicht so schrecklich verkackt hätte, hätte ich das immer noch ziemlich versäbelt. Weil ich kann.

CLUB ATLETICO BOCA JUNIORS – UNIÓN DE SANTA FÉ

 La Bombonera

Zugegeben, ich war meinem Vermieter ziemlich auf die Nerven gegangen, mit meiner Fragerei nach einem Match. Nach einem richtigen. Du kannst nicht einfach nach Buenos Aires fahren und wieder nach Hause gehen, ohne zumindest einen der großen Vereine gesehen zu haben. Gerade wo es doch so unglaublich viele gibt. Plan B war San Lorenzo, Plan A und Wunschwunschwunschspiel war natürlich in der Bombonera. Ich sage natürlich, weil mir die Entscheidung zwischen River und Boca durch die Spieltermine und meine Zeit in big BA abgenommen wurde. Aber Boca gegen Unión? Klar, das will man mitnehmen als Fußballreisender. Ich hatte ja beinahe gehofft, dass sich hier genauso wie in Brasilien „teuer“ als „echt nicht teuer“ herausstellen würde, dass dieses Spiel das teuerste meines bisherigen Fanlebens sein würde, ahnte ich nicht. Aber diese Entscheidung, als ich dann endlich doch noch eine Möglichkeit fand, an Tickets heran zu kommen nahm ich mir auch selbst ab: Ich würde nicht nach Hause reisen und jahrelang bedauern, nicht zu dem Spiel gegangen zu sein. Und genau das hätte ich getan, also gab es kurzen Prozess, ich bezahlte diese horrende Summe für ein Fußballspiel, was darin resultierte, dass auch meine Mitbewohner in Buenos Aires mich für unzurechnungsfähig erklärten.

Es hätte mich nicht weniger kümmern können. Den ganzen Samstag-Abend war ich bereits unerträglich und meine Mitbewohner waren kurz davor, den einen Boca-Fan im Freundeskreis herzubestellen, damit ich ihn „nerven“ konnte und nicht den Rest der WG. Da ich aber irgendwie das Küken der Truppe war, ließen sie mich doch gewähren. Besagten Boca-Fan durfte ich dann am Dienstag zu texten.

Sonntag ging es früh los. Die Ansetzung lag bei 18.15 Uhr, doch die Truppe mit der ich zusammen gehen würde, traf sich bereits um 14 Uhr zu „Bier“ und >Pizza<. „Bier“, weil ich das Bier hier nicht ernst nehmen kann. >Pizza<, weil sie einfach tausendmal geiler ist, als in Deutschland. Die Pizza und die Gesellschaft von drei Schotten, zwei Briten, einer Kanadierin, einem Deutschen und einem eingefleischten Boca-Local entschädigten tausendfach für das scheußliche Bier und wir versanken ziemlich schnell in Fußballdiskussionen, erörterten alles, von der Getränkeauswahl in den Stadien, über die Preise von Tickets und Trikots bis hin zu gelegentlichen Ausschreitungen in den verschiedenen Ligen und dann waren wir eigentlich auch schon im Viertel angekommen.

La Bombonera

LA BOCA. So unglaublich kontrovers. Bleibt man auf den Hauptstraßen, ist es ein Touristenparadies, weicht man davon ab, wird wohl eher jemand auf die Chance setzen, dass du ausgeraubt wirst, als es auf deine Sicherheit zu verwetten. Wir blieben zusammen und ich trauerte kurz der Chance nach, dass eigentlich ich in Block K gesollt hätte – direkt über La Doce, dem zwölften Mann – und nun doch das Schottenpärchen hindurfte, doch selbst damit hielt ich mich wahrlich nicht lange auf. Ich wurde ein wenig belächelt und ich denke, die Leute, die mich schon mal bei einer Auswärtsfahrt oder so erlebt haben, können sich vorstellen warum: Wenn es nicht gerade so massiv entscheidende Spiel sind, wie in Darmstadt, bin ich unerträglich vor einem Spiel. Ich grinse vor mich hin, tagträume, beame mich gedanklich schon mal ins Stadion und kann es einfach nicht erwarten.

In unserer Runde war ich mit Abstand die Jüngste, aber niemand behandelte mich wie das Küken, das nicht weiß, wie es ins Stadion kommt. Wir plauderten, ließen die Karte einmal, zweimal und noch ein drittes Mal am letzten Kontrollpunkt nachsehen – auch hier eine „Scheckkarte“, aber wohl mehr darin begründet, dass generell nur Club-Mitglieder Karten kaufen können und die Wartezeit für eine Mitgliedschaft momentan wohl um die sieben Jahre beträgt. Und dann ging es die Stufen hinauf. Immer weiter, immer höher, bis man schließlich die Skyline von Buenos Aires zum Teil wirklich gut sehen kann und dann nach links abbiegt.

20150802_171742Der Aufstieg20150802_181013

Es ist so unglaublich steil. Ich habe noch nie ein derart steil aufragendes Stadion erlebt und auch unser Begleiter aus der Premier League war fasziniert. Die Bombonera ragt oben offen einfach in den Himmel und in meinem Kopf spielten sich schon tausend Szenarien ab, die dazu führen könnten, dass ich die Treppen herunter purzele – und nicht vor dem Spielfeld Halt mache, weil es technisch vermutlich gar nicht möglich wäre. Und das allerschönste: Dieses Stadion wird nicht von einer Laufbahn um den Platz um noch den zusätzlichen Funken Charme gebracht wie das Monumental, es ist einfach ein geniales Fußballstadion. Es störte mich auch nicht im Geringsten, dass wir noch beinahe zwei Stunden bis zum Anpfiff zu vertreiben hatten. Ich schaute in aller Ruhe dabei zu, wie sich die Ränge langsam füllten, wie die langen Stoffbahnen in Blau und Gelb über den Block der „Fanáticos“ gespannt wurden und das riesige Banner mit „Jugador No. 12“ hin und her wehte.

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Kurz musste ich dann doch lachen, als der andere Deutsche unseren ortskundigen Argentinier fragte, ob Tevez die Nummer 12 hätte oder wer hier so gefeiert würde, doch da mir das vielleicht an einem schlechten Tag (hust, Samstag hätte so einer sein können) auch hätte passieren können, ritten wir nicht länger darauf herum und gingen wieder in Diskussionen über die verschiedensten Fußball- oder Reisebezogenen Themen über.

Und dann irgendwann kam der Moment, an dem das erste Mal für diesen Tag ein Gesang das gesamte Stadion erfasste. Faszinierend war jedoch die Geschwindigkeit mit der das passierte. Dieser riesige blau-gelbe Block hatte es kaum angestimmt, die Trommeln noch verhältnismäßig leise, die Trompeten verhalten, da schwappte der Gesang in beide Richtungen bis zu uns auf der anderen Seite herüber. Dass ich Gänsehaut hatte, muss ich keinem erzählen. Von dem Grinsen, dass mir ins Gesicht gemeißelt wurde wohl auch nicht.

Das war eine ganze Weile vor dem ersten Ballkontakt von irgendwem. Es folgten noch eine Schweigeminute und die ersten richtigen Fangesänge. Den ein oder anderen kannte ich und auch heute sitze ich noch hier, erst in Madrid am Flughafen, jetzt im Flieger von Madrid nach Frankfurt und könnte die ganze Zeit singen:

Boca, mi buen amigo, esta campaña volveremos a estar contigo. Te alentaremos de corazón, esta es tu hinchada que te quiere ver campeón. No me importa lo que digan, lo que digan, lo demás. Yo te sigo a todas partes, cada vez te quiero más.“

Es geht nicht mehr aus dem Kopf. Bei mir wechselt sich dieses Lied im Kopf auch nur mit zwei anderen derzeit ab: „Taxi“ weil das das Lied der Mädelswg war und „Dale Boca“, was ebenfalls recht eingängig ist. Aber los werde ich es nicht und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich das gern hätte.

Nein. Ich möchte so lange wie möglich von diesem Stadionbesuch zehren können und während des Spiels, davor und danach habe ich versucht, so viel wie möglich wahrzunehmen. Die Trommeln, die Trompeten, die dem Ganzen ein wenig Fröhlichkeit und noch mehr Eigendynamik verleihen, die Sprünge, das Wackeln dieses uralten Stadions, wenn La Doce sprang.

Ich fieberte sogar dem Moment entgegen, in dem Carlos „Carlitos“ Tevez in der Startaufstellung genannt wurde, hatte das Handy gezückt – während des Spiels mach ich sowas ja nicht, aber vorher ging das für mich als Fußballtourist in Ordnung – als es dann tatsächlich auf einmal sehr laut wurde.

"Bari, wir werden dich nie vergessen!" trug die Mannschaft von Unión auf einem Banner ins Stadion, um den am 28. Juli 2015 verstorbenen Diego Barisone zu ehren, der seinen Verletzungen nach einem Verkehrsunfall erlag.

„Bari, wir werden dich nie vergessen!“ trug die Mannschaft von Unión auf einem Banner ins Stadion, um den am 28. Juli 2015 verstorbenen Diego Barisone zu ehren, der seinen Verletzungen nach einem Verkehrsunfall erlag.

Es folgte eine Schweigeminute, die keine war, denn irgendwie konnte es scheinbar keiner erwarten, dass es los ging. Das würdevolle Klatschen statt des Schweigens dauerte nämlich wohl nicht mal dreißig Sekunden, aber sei es drum. Ich konnte es ja auch nicht erwarten.

Und dann ging es los. Und obwohl ich meine Sommerpause mit dem Spiel von Palmeiras ja eigentlich schon beendet hatte, war das doch wirklich mein Höhepunkt – natürlich bevor ich am Montag wieder ans Millerntor fahre. Das war der Moment, auf den ich die ganze Zeit hingefiebert hatte. Ja, ich wäre auch zu einem Spiel von River gegangen, wenn es zeitlich gepasst hätte, aber richtig gefreut hatte ich mich auf Boca. Auf diese vollkommen andere Fußballwelt.

Ich war wirklich froh, dass die Zeit nicht davon eilte und das bei solch einem Spielverlauf. Die Gesänge waren zum Teil sehr passend zum Spielgeschehen und auch wenn man sich nach dem frühen Tor von Calleri für Boca beinahe schon einen sicheren Sieg bezeugen sah, nahm dann doch alles ganz andere Bahnen.

So um die 23./24. Minute herum gingen zwei Leute zu Boden. Orion, Bocas Keeper, hatte dann doch die letzte Möglichkeit gezogen, seinen Gegenspieler zu stoppen und sie rasselten unaufhaltsam zusammen. Wir, die in der Kurve, jedoch beinahe schon auf der Geraden hinter dem Tor waren, verstanden erst kollektiv nicht so richtig, was da unten los war. Orion bewegte sich nicht und nachdem ich nun auch die Wiederholung gesehen habe, komme ich nicht umhin zu denken, dass er bewusstlos war. Jedenfalls herrschte kurz Hektik und dann noch mehr Hektik, weil kaum dass Orion stand, die rote Karte gezückt wurde. Notbremse, Platzverweis, Elfmeter. Holy.

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Das änderte den Spielverlauf völlig. Orion ging raus, der zweite Torwart kommt zum Elfmeter rein und hat keine Chance ihn zu halten. „We’re even.“ Grummelte der Brite neben mir und grinste dabei – we’re even and we have a game now.

Und was für eins. Unión ging in Führung. 2:1. Dann gibt es Chaos um das Tor von Unión, Carlitos Tevez steht richtig und schiebt den Ball nur noch ins Tor. Die Bombonera eskaliert. Ich eskaliere. Erstens weil es mitreißt und zweiten weil ich mir tags zuvor im Gespräch mit @FloTo09 zwei Dinge für den Sonntag gewünscht hatte: Morgens einen Auswärtssieg (Danke, FCSP!) und abends ein Tor von Carlitos. Boom!

Dass kurz darauf Unión schon wieder trifft dämpfte die Freude kurz, doch die Gesänge wurde umso lauter, durchdringender, die ganze Bombonera bebte, als sich die tausenden in blau und gelb gekleideten Menschen im Stadion zum Hüpfen vereinen. Und wenn ich beben sage, dann meine ich beben. Nicht das bisschen Vibrieren, was man schon mal aus den unterschiedlichen deutschen Stadien kennt. Das ganze Gebäude war in Bewegung und ich bin mir ziemlich sicher, dass unter den Stands ein wenig Staub herunter regnete. So ganz klischeehaft.

Die Hölle brach dann los, als Boca kurz vor Schluss durch Calleri nochmal ausglich. Es muss die letzte, vorletzte Minute der regulären Spielzeit gewesen sein, als er einnetzt und sich die ganze Versammlung in Bewegung setzt. Ich erinnere mich, dass mir kurz die Bilder aus Bochum in den Kopf schossen, als zum Torjubel alle nach unten segelten, rutschten, fielen und ich mir das bei diesen steilen Rängen vorstellte, doch der Jubel war unvorstellbar.

Genauso die Ernüchterung, nach dem nächsten Gegentreffer. Nachspielzeit, dumme, dumme Abwehrfehler – wie durch das ganze Spiel hindurch –  und zack, war der Ball im Netz.

„LA DEFENSA …. NO EXISTA!“

Wir sahen also ein 3:4. Boca zu zehnt und mit beinahe nicht vorhandener Abwehrleistung. Meine Mitfahrer scherzten, „I know what they’re gonna do for the next training session“ und meinten eben jene miserable Abwehrleistung. Unión de Santa Fé war besser, die Abwehr war unwesentlich besser, aber es reichte eben. Die Offensive sah bei beiden ja sehr ordentlich aus, aber diese Abwehr…

Aber ich meine es ganz Ernst: Was hatten wir ein Glück, solch ein Spiel sehen zu dürfen. So viele Tore hab ich im Stadion beinahe in der ganzen Rückrunde nicht gesehen. Mich hätte wirklich interessiert, wie Boca mit voller Besatzung gespielt hätte, denn ich komme nicht umhin zu denken, dass das Spiel so deutlich geworden wäre, wie es am Anfang versprach. Doch es war super so. Ein perfektes Spiel, nur dass das letzte Tor vielleicht besser auf der anderen Seite gefallen wäre.

So oder so ist es um mich geschehen und ich wage zu behaupten, dass ich mir irgendwann noch einmal ein Spiel der Boca Juniors anschauen werde. Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen, weil ich dieses Gesamtpaket noch nicht erlebt habe. Natürlich bleibt unser eigenes Stadion das schönste, das liebste, aber die Bombonera ist für mich persönlich einfach unglaublich. Ich habe mittlerweile recht viele Spiele gesehen, einige der größeren deutschen Stadien besucht und ich bin mir sicher, dass man dieses Feeling aus Buenos Aires nicht in deutschen Stadien finden kann. Dieses vollkommen durchdringende Beben, wenn sogar das Stadion sich dem Rhythmus ergeben muss. Nein, nicht in München, nicht in Dortmund und leider auch nicht auf Sankt Pauli.

Und trotzdem bleibt mir mein Millerntor das liebste und auch wenn ich dieses Spiel so unheimlich genossen habe, wenn mich dieser absolut konträre Verein und seine Fans faszinieren, ich freue mich noch mehr, am Montag wieder nach Hamburg zu fahren.

Eins möchte ich aber noch loswerden: Der Artikel den die 11Freunde vor kurzem veröffentlicht haben fasst für mich die Atmosphäre und diese Kontraste innerhalb des Vereins der Boca Juniors wirklich gut zusammen. Ich habe den Artikel nach meinem Besuch gelesen und konnte einiges von dem gelesenen wirklich nachempfinden: Ganz besonders diese unglaubliche Hingabe mit der die Menschen ins Stadion gehen. Man muss wirklich fürchten, kurz vor dem Stadion, mit den Treppen schon fast im Blick, noch um die Karte gebracht zu werden, weil sie alles dafür tun würden im Stadion zu sein. Bei ihrem Verein zu sein. Mit ihm zu leiden, zu jubeln, zu leben.

Ist Fußball und das Fansein in Deutschland für viele die vielleicht schönste Nebensache der Welt, wie man so schön sagt, und was auch auf mich zutrifft, ist es hier viel mehr: Es kann der Lebensmittelpunkt sein. Der Grund morgens aufzustehen, der Grund riesige Fehler zu begehen und der Grund einem Menschen das Leben zu nehmen, wenn man den Superclásico verloren hat.

Diese absolute Hingabe zum einen fasziniert, doch der Tritt ins Extreme, ins Unwiderrufliche lässt nicht nur erschaudern, mir jagt es richtig Angst ein.

Ich habe keinerlei Schwierigkeiten im und ums Stadion herum erlebt, ich habe höfliche Fußballfans kennen gelernt, die ihren Verein supporten, sich unheimlich freuen, wenn sie mal eine Karte bekommen, weil die Nachfrage das Angebot immer um ein Vielfaches, meist um ein Vierfaches, übersteigt, und diesen Tag dann genießen. Doch die Existenz und die Anwesenheit dieser anderen Art Fan, der von Gewalt, Rache und dem Übertreten jeglicher moralischer und rechtlicher Grenzen geprägt ist, darf weder jemals vergessen, noch unbekämpft bleiben.

Die Boca Juniors stehen an einem Scheideweg, das stimmt wohl. Doch ich glaube selbst wenn man sich für ein neues Stadion entscheiden könnte, was theoretisch nicht möglich ist, weil die Fans sich offensichtlich dagegen stellen würden, dann hätte man sich noch lange nicht von den Fans gelöst, die das eigentliche Problem darstellen.

So oder so, dieser Verein fasziniert mich und das besonders, aber nicht erst seit meinem Besuch. Doch ich werde nun wohl aufmerksamer verfolgen, was in La Boca vor sich geht. Auf und abseits des Platzes. Ganz los lässt es mich definitiv nicht.