Archiv für den Monat Februar 2015

Wochenendweisheiten – Ein Fußballtrip nach München.

Wenn man allerdings das Spiel betrachtet, weniger Fußball und mehr dummes Zeug. Also hier im Folgenden unsere 10 Wochenendweisheiten, die wir statt der drei Punkte aus München mit zurück nahmen. Irgendwie mussten wir den Platz im Koffer ja füllen, da müsst ihr jetzt durch. 

Ok, ehrlich gesagt hab ich gar keine Ahnung, wie das alles so wirklich zustande kam – es war irgendwas in der Richtung: Ey, lass mal nach München! – Ja, lass mal machen – und schwupps, naja, nicht ganz schwupps, eher so schwu-hu-hu-huuuuu-hups, weil sich die Fahrt zog, waren wir in München.

Mit viel Gedä vorher um die Tickets, weil eben doch nicht alles so richtig rund gelaufen war, wobei niemanden irgendeine Schuld traf, ging es dann doch erleichtert zur Anreise. Die hätten wir vielleicht doch einen Ticken früher antreten können, so waren wir nämlich für die ungefähr 500 Kilometer doch länger unterwegs als gedacht. Aber, wer nach Rostock fahren kann, der kann eben auch nach München fahren und das Wunderheilmittel für alles auf einer langen Fahrt war eben auch mit an Bord: Nein, nicht Bier – SCHOKOBONS!

Wo wir schon bei Wochenendweisheit No 1 wären: „Ein Wochenendtrip ist kein Wochenendtrip, wenn man auf der Fahrt keine Schokobons dabei hat. Daran lässt sich nicht rütteln, das ist einfach so.“

Nach doch einigen Stunden Fahrt und mit nur einer Pause zwischendrin, fuhren wir schließlich von der Autobahn ab und exakt in dem Moment, als wir uns in Münchners Straßengetümmel werfen wollten, versagten dann beide Handys was die Navigation anging. Es folgte eine ziemliche Umherirrerei, aber im Endeffekt haben wir es dann doch noch gefunden – allerdings, und das muss ich zu unserer Schande zugeben, doch nur, weil sich eines der Handys erbarmte und den Dienst zumindest kurzzeitig nicht mehr verweigerte.

Wie auch immer, wir waren angekommen und es hieß eigentlich nur, schnell einzuchecken, das ganze Gelumpse aufs Zimmer zu verfrachten und dann ab in die Innenstadt. Das erste Bier rief doch recht laut nach uns.

Die Suche nach der richtigen Lokalität gestaltete sich dann etwas schwierig, Anlaufpunkt No 1, das Hofbräuhaus, machte gerade zu, als wir kamen, in vielen anderen Braustuben und Kneipen sah das zu meiner Verwunderung ähnlich aus. Aber, wenn man gerade schon aufgeben will, stolpert man immer irgendwann in einen Irish Pub.

Wochenendweisheit No 2: „Man endet immer in einem Irish Pub.“

Stimmt. Und das war sogar mal ein echter, mit waschechten Iren und Bier und Whisky und hachja. Alles gut. Man fühlte sich wohl, trank das ein oder andere Bierchen und damit wären wir dann auch schon bei Wochenendweisheit No 3: „Ich habe einen im Thy.“ ist eine der schönsten Arten mitzuteilen, dass man vielleicht doch noch das Sicherheitsbier trinken sollte. Nur so zur Sicherheit, ihr kennt das.

Wenn man schon in einem Irish Pub sitzt, irischen Whisky trinkt und sich mit Iren unterhält, was plant man dann natürlich? Genau, den derzeit noch utopischen Trip nach Glasgow. In den Celtic Park. Interessanterweise kamen wir auf diesen Plan im Lauf des Wochenendes zu verschiedenen Anlässen immer wieder zurück, daher folgte der absolut logische Schluss, dass alle Wege nicht nach Rom, sondern Glasgow führen (Wochenendweisheit No 4).

Das war aber nicht alles, denn vor allem am Samstag, auf den ich hier jetzt nicht weiter eingehe, kam noch ein zweite Schluss hinzu:

Wochenendweisheit No 5: „Alle Wege führen zum Bier.“

Allerdings sitzt man ja nicht ewig in so einem Pub und führt solche hochsinnigen Gespräche, nein, irgendwann stellt man erschrocken fest, dass man wohl doch mal ins Hotel zurück sollte. Also auf den Weg und mit der Ubahn flott zurück. Flott war allerdings eher so Auslegungssache. Wenn man schon vom Hauptbahnhof zum Sendlinger Tor gefahren ist und dort noch eine Dreiviertelstunde warten muss, dann macht man sich eben schon mal auf die Suche nach Sanitärenanlagen. Dabei waren uns auch die Polizisten vor Ort sehr behilflich – jedenfalls glaub ich das, denn um ehrlich zu sein versteh ich da selten überhaupt ein Wort.  Bayerisch ist echt nicht ganz so mein Ding. Und ich musste lachen, weil es sich irgendwie lustig angehört hat. Ja, ja, es war schon spät.

Die Suche verlief zwar nicht erfolglos, allerdings endete sie vor verschlossenen Türen, die Wochenendweisheit  No 6 begründen: „Sendlinger Tor ist der Ubahnhof des Teufels.“ Das führen wir hier jetzt einfach mal nicht mehr weiter aus.

Aber es läuft grad so gut (gnihi) und deswegen schlitter ich (gnihihi) gleich mal weiter zu Wochenendweisheit No 7: „Eis ist glatt.“ Das dürfte soweit selbsterklärend sein, allerdings muss ich zugeben, dass ich mal wieder dem klassischen Klischee der guten Freundin entsprach: Ich half auf, sobald ich mit dem Lachen fertig war.

Den Rest des Weges zurück zum Hotel, das übrigens nur eine Straße vom Gründwalder Stadion, öööh der Hermann Gerland Kampfbahn, entfernt war, schafften wir dann unfallfrei und so ging es zumindest noch für gut 2 Stunden Schlafen, bevor der Wecker uns zum Stadion rufen würde. Naja, zumindest zum Frühstück.

Nun kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Beitrags oder jedenfalls zu dem Bereich, der Thema sein sollte. Vor dem Spiel machte sich in mir irgendwie Unruhe breit, aber das war eben nicht so wie sonst. Normalerweise hibbel ich schon 4 Tage vor dem Spiel unerträglich herum und kann es gar nicht erwarten, dass es los geht, weil die Spiele die ich sehen kann, nun mal meist auf das „halbwegs erreichbare“ limitiert sind. Soll heißen: München war schon echt weit, sonst traf man mich ja bisher nur zu den Auswärtsspielen in NRW und Hessen an. Aber Samstag war das halt doch irgendwie anders.

Man traf sich an der Gästekasse, nahm die Karte entgegen – an dieser Stelle nur für den Fall noch mal riesengroßen Dank!! – und dann ging es rein ins Schlauchboot. Das lag übrigens für mich überraschend trist in Grau vor uns, aber schön aussehen sollte es nicht, nur die drei Punkte hergeben, das war der Plan. Hm.

Naja, rein musste man ja. Also waren wir echt zeitig im Stadion, suchten uns ein Plätzchen im Block und ab da wurde es schlimm. Wie bereits erwähnt, normalerweise hibbel ich rum, bin zuversichtlich, euphorisch – Samstag nichts davon. Ich wäre versucht es auf die Katerstimmung nach dem bisschen Schlaf zu schieben, aber dann veralber ich mich nur selbst. Es war jedem in diesem verdammten Block klar, worum es ging.

Ja, und dann ging es los. Die Sechziger, die ich schon auf der Bahnfahrt zum Stadion nicht sonderlich sympathisch fand – das gilt natürlich nur für die, mit denen man da in Kontakt gekommen war, bauten das aus und sind heute am Sonntag Abend wirklich zu einer Truppe gereift, der ich kein Tränchen nachweinen würde. Irgendwo las ich heute ähnliches „auf einer Stufe mit Fortuna Düsseldorf“, joa, das trifft es doch ganz gut.

Was ich einfach auch unheimlich irritierend fand, auch wenn das natürlich von vornherein klar war, ist die Größe der Arena im Vergleich zu den Zuschauerzahlen. Es ist einfach kein Verhältnis. Klar, man hat das vielleicht ansatzweise schon mal irgendwo erlebt, dass es nicht voll war  (Frankfurt, Bochum leider) aber das war ja wirklich extrem. Wie gesagt, zu erwarten, aber überrascht hat es mich dennoch irgendwie. Was mich allerdings auch erstaunte, waren die Bilder die ich nachher vom Gästeblock sah – das waren doch deutlich mehr, als ich erwartet hätte. Und damit wären wir schon beim nächsten Thema: Die Stimmung.

Vorneweg: Ich war 2014 insgesamt bei 6 Auswärts- und einem Heimspiel, was bisher meine besuchsstärkste Saison war, bin also in jeder Hinsicht noch ein Frischling was das angeht, aber ehrlich gesagt hab ich die Stimmung als unfassbar schlecht empfunden.

Das könnte darin begründet sein, dass in der ersten Halbzeit einfach nur die wenigsten Gesänge wirklich mal den ganzen Block erfassen konnten und einfach noch nicht die Möglichkeit da war, dass die Vorsänger den kompletten Block addressieren konnten. Ich persönlich fragte mich während der ersten Hälfte, ob sie überhaupt da waren, weil wir im unteren Drittel des Blocks standen und trotzdem nur wenig durchkam. Übrigens: Keine Vorwürfe oder sowas hier, alles nur die Wahrnehmung, die ich während der Hälfte eben hatte.

Dieser Eindruck verbunden mit DEM Spiel in der ersten Halbzeit frustete mich. So richtig. Normalerweise ist es besser, wenn ich im Stadion bin, als zuhause das Spiel zu schauen, weil ich dann wenigstens immer noch mitgröhlen kann, meine Stimmbänder opfern kann und zumindest den Spaß am Support hatte. Das ging mir in der ersten Halbzeit leider vollkommen ab. Mit dem Pfiff sank ich, glaube ich, ein Stück weit in mich zusammen. Ein kleines Fünkchen Hoffnung glühte zwar noch, weil es ja immerhin noch 45 Minuten zu spielen war. Vielleicht ja sogar noch ein paar mehr! Der Verhandlungsmodus mit mir selbst war soeben eingetreten.

Während der Pause dann noch Twittermenschen getroffen, was echt immer Spaß macht. War wirklich schön sich da zu sehen!

Ja, und dann gings wieder runter. Wir platzierten uns dieses Mal anders und hatten so dann auch die tonangebenden Personen gut im Blick. Die Stimmung meines Empfinden nach in Hälfte zwei deutlich besser. Man wusste einfach plötzlich, was man da zu gröhlen hatte und das erleichtert die Sache doch ungemein. Das hilflose Gefühl, was sich vorher in mir breit gemacht hatte, nicht mal richtig mitsingen zu können, verschwand nun zumindest. Die Hilflosigkeit gegenüber dem, was da am Platz passierte erreichte jedoch immer wieder neue Höhen. Gekrönt eigentlich in dem Tor von Sechzig. Da geb ich ehrlich zu, dass sich erstmals wirklich Resignation in mir breit machte.

Wir hatten so viele Chancen, aber die meisten „Schüsse“ / „Abschlüsse“ waren es einfach nicht wert, sie als solche zu betiteln. Strack auf den Mann, meilenweit daneben oder eben wieder im Strafraum verdaddelt, weil sich keiner ein Herz nahm und mal aus Reihe 1.5 draufhielt. Nun ja, ich muss da wahrscheinlich nicht mehr viel zu sagen.

Das Tor zum 2:1 gab dann nochmal ein bisschen Hoffnung, zumindest einen Punkt mitnehmen zu können. Auch das vergebens. Hm.

Echt, normalerweise reagier ich auf alles, was am Feld passiert und in meinem Sichtfeld ist  – in Bochum hätte ich also eigentlich auf gar nix reagieren dürfen – aber bei dem Spiel wurde ich zwischenzeitlich einfach nur ruhig. Kein Gepöbel, kein Gemecker, kein „EEEEYY!“ wenn ich der Meinung war, irgendwer hätte einen „von uns“ von den Beinen geholt,  Schwalbe oder nicht. Ich war echt ruhig. Und das hab ich einfach so noch nicht erlebt.

Klar, ich gehöre nicht zur Fraktion, die eben den Abstieg in tiefere Gefilde mitmachen musste. Ich bin im Prinzip mit der Abstiegssaison aus der ersten Liga erst so richtig dazu gekommen, wenn auch da noch fast ausschließlich vor dem heimischen Fernseher, weil es sich mit 14 eben nicht ganz so leicht zu Auswärtsspielen fährt. Ich kenn das Alles also noch nicht und gerade deswegen erschrak ich, als ich plötzlich genau das fühlte, was die Woche zuvor schon in dem ein oder anderen Blog zu lesen war: Leere. Resignation. Schon Kapitulation?

Wir haben noch eine ganze Weile da im Block gestanden und ich muss nicht gerade die beste Gesprächsteilnehmerin gewesen sein, der Frust war in dem Moment einfach zu groß. Aber auch das Unverständnis und – mal wieder – die Hilflosigkeit betraf das, weil man einfach selbst nicht betiteln kann, woran es wirklich liegt, dass wir vor dem Tor eben so gefährlich sind wie ein altersblinder Kater, dem man alle Krallen und Zähne gezogen hat. Man rennt eben immer nur wieder mit dem flauschigen Kopf gegen die gleiche Wand, um auf dem Allerwertesten zu landen und direkt wieder die gleiche Wand anzusteuern.

Frust. Hm. Mehr blieb in dem Moment einfach nicht und die Stimmung war doch etwas gedrückt. Von „Irgendwie wird das schon noch“ wollte ich genauso wenig hören wie von „Das wars jetzt“. Alles ließ mich irgendwie nur wütend werden, aber noch immer war es nicht die Pöbelwut. Einfach dieses dumpfe Gefühl, dass man nicht weiß, was passiert. Selbst mir als ewigem Fußballoptimist gehen die Gedanken von „Das packen wir schon noch“ echt immer seltener durch den Kopf und wenn, dann lacht irgendwo eine leise Stimme sarkastisch.

Nun ja. Es war trotzdem ein Trip, den ich gern gemacht hab. München ist wirklich eine schöne Stadt, die ich vorher so noch nicht besucht hatte. Deswegen hak ich das Spiel jetzt einfach mal ab und breite euch die letzten Wochenendweisheiten aus.

Wir verbrachten den restlichen Tag in der Innenstadt, erkundeten und tranken mal ein Bier, bevor man wieder im gleichen Pub landete, wie am Vorabend, weil man sonst nichts zum Fußballschauen gefunden hatte. Genug kriegt man ja doch nie. (Meh)

Wochenendweisheit No 8:

„Vergesst 42, Bier und Celtic Park ist die Antwort auf Alles!“

– „Das sind zwei Antworten.“

„Sag ich doch, Bier im Celtic Park!“

Wenn es hier halt nicht laufen sollte, dann flüchtete man sich zumindest kurzzeitig in die Planung eine Trips nach Schottland, in dem sich dann doch gewisse Redundanzen zeigten, wenn man sich die vorherigen Wochenendweisheiten so anschaut.

Für uns passierte nicht mehr sonderlich viel, wir machten uns recht früh auf den Weg zurück zum Hotel, weil die Heimfahrt uns früh aus den Federn reißen würde. Dafür natürlich mal wieder die Ubahn genommen, die ich jedes Mal aufs Neue schätzen lerne, wenn ich in einer echten Großstadt bin (offtopic: Der Heimatstadt wurde der Großstadtstatus aberkannt). Allerdings hat auch die Ubahn so ihre Tücken und abgesehen davon, dass wir Dorfkinder kein Ubahnisch sprechen, stolperten wir dann doch über eine weitere Weisheit.

Wochenendweisheit No 9: „Wenn du an Stationen ankommst, deren Namen du noch nie gehört hast, musst du bestimmt einfach nur weiter fahren um zu der richtigen zu kommen.“

In meiner Kanadazeit klappte das wunderbar, weil der Skytrain in Vancouver im Kreis fährt, in München weniger.

Ja, heute war dann tatsächlich nur noch die Heimfahrt und da passierte zum Glück rein gar nichts spektakuläres, sodass wir ohne Stau und ohne sonstige Probleme relativ flott die 520 Kilometer wieder nach Hause zurück legten. Mit den Kilometerchen klettert mein kleiner Kilometercount für den FCSP dann nun fast auf die 5000er Marke. Für eigentlich zwei Jahre aktive Auswärtsfahrten ist das recht vielversprechend.

So, und weil mir eh nicht großartig was anderes einfallen würde, um diesen Chaostext zu beenden, als dass ich mal wieder tolle, nette und sehr interessante Menschen kennen lernen durfte und es sich irgendwie doch immer lohnt, schließe ich einfach mit der letzten vollkommen random Weisheit von unserem minimal chaotischen Trip nach München, der von kleinen Wortfindungsstörungen zeugt.

Wochenendweisheit No 10: „Aufzugtreppen sind die besseren Rolltreppen.“

Doch, eins noch, weil es so schrecklich gut kitschig passt:

die Liebe beweist sich erst, wenn der Wind zunimmt. 

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„Ich kotz im Kreis.“

Es ist 2:43 Uhr hier, als ich anfange diesen Text zu schreiben. Was zur Hölle mag mich nach ein paar Bier dazu bewegen um diese Uhrzeit irgendwas zu schreiben? Bei mir kann das eigentlich nur eines sein, und zwar etwas, das mir sehr nahe geht und mich keinen Schlaf finden lässt. 

Ich steigere mich des Öfteren in Sachen, Situationen und Menschen hinein. Für mich gibt es eigentlich nur ein „Ganz oder gar nicht“. Entweder ich stehe vollkommen hinter etwas, oder ich brüste mich nicht damit, überhaupt, dahinter zu stehen.

Es gibt allerdings gewisse Themen, die für mich, jedenfalls solange ich rational denken konnte, keine Abweichungen zur Seite erlaubten. Das sind unter anderem die des Anti-Rassismus, des Aufstehens gegen Homophobie, gegen Antisemitismus und gegen Faschismus. Das mag ich nicht immer in dem Maße getan haben, wie ich es heute tue, doch gerade die Verbundenheit zum Fußball, zu „meinem“ FC St. Pauli haben mich in den letzten Jahren gerade in diesen Bereichen mutiger werden lassen.

Habe ich vorher vielleicht innerlich zusammen gezuckt, wenn spezielle Äußerungen oder Anfeindungen fielen, so lernte ich in den letzten Jahren aufzustehen. Die Diskussion zu suchen. Gegen zu halten. Gerade der Punkt der Suche nach einer Diskussion ist jedoch problematisch –  versucht man das mit einem eingefleischten Antisemit wird man wohl kaum mehr als leere Parolen und weitere Schmähsätze zu hören bekommen, weil es schlicht keine sinnvolle Begründung für den Antisemitismus gibt.

Aber ich habe gelernt, dagegen zu halten und laut zu sein, wenn es darum geht. Und dennoch ist es immer wieder schwer. Wozu soll eine Diskussion führen, wenn sie nur auf dummen Vorurteilen und uralten Hetzen beruht? Wie soll man jemanden zur Vernunft bringen, dem der Hass so tief im Fleisch sitzt, dass er nicht mal die Mühe aufbringen mag, um „nachvollziehbare“ Gründe für ihn zu suchen? Oder zumindest jene, die nicht auf den ersten Blick bereits vollkommen hirnrissig wirken?

Für mich jedes Mal wieder eine Herausforderung. Und besonders dann, wenn man zeitgleich noch versucht, deeskalierend zu wirken. Deeskalierend? In welcher Hinsicht? Mir mag innerlich zum Erbrechen zumute sein, doch ich möchte nicht anderen den Abend verderben. Würde am liebsten alleine den Ansatz suchen, mit dem Betroffenen zu diskutieren. Ihn vielleicht in Ruhe und nicht unter dem beobachtenden Blick aller zur Raison zu bringen. Doch das ist selten möglich.

Ich weiß manchmal nicht, wie ich reagieren soll und genau in so einer Situation fand ich mich heute mehrfach. Es war ein lockerer Abend, nette Menschen, die alle – oder zum Großteil jedenfalls – meine Ansicht in Bezug auf oben genannten Themen teilen, und eben diese eine Person, die es nicht tut. Manche, die eben mehr oder weniger aufzustehen wissen, wenn es darauf ankommt.

Doch diese eine Person, die welche Weltanschauung auch immer vertreten mag, kann einen solchen Abend vollkommen auf die Waage stellen. Es beginnt vielleicht harmlos, mit Sprüchen, die in bestimmte Richtungen zielen, aber genauso gut auf andere gedeutet werden könnten – Momente in denen manche vielleicht zusammen zucken, inklusive mir, während andere sich nichts dabei denken. Dann werden die Spitzen härter, man kann irgendwann nicht mehr schön reden, in welche Richtungen sie zielen und schließlich wird es einem Menschen reichen, der einschreitet und mit einem lauten „HALT“ auf der Stirn, die Wogen zu glätten versucht.

Für mich war das heute nicht eine Person, sondern beinahe alle. Sei es nun, dass man äußert, dass man solche Hetze in diesem Kreis nicht hören will oder vielleicht sogar die Diskussion sucht, die zumeist relativ schnell verebbt – jemand wird einschreiten. Vielleicht sogar eine Person, von der man es nicht in erster Linie erwarten würde. Doch damit ist es nicht getan. Ein erster Aufschrei – mehr nicht.

Doch dieser Aufschrei ist wichtig. Er verhilft den anderen Umstehenden, Zuhörenden, Verschrockenen dazu, selbst den Mut zu finden, dagegen zu sprechen. Egal um welche Umstände es sich handelt. Wenn einer erst einmal den Mut fand, zu äußern, was er von solcher Hetze hält, dann werden es andere auch tun. Vielleicht lautstark, vielleicht aber auch schweigend auf andere, nicht weniger wertvolle, Art.

Es hat für mich persönlich lange gedauert, um überhaupt in solche Situationen zu gelangen, doch gerade durch die Verbundenheit zu „meinem Herzensverein“ wurde ich in dieser Hinsicht wohl sensibilisiert. Sprichwörter oder Redensarten, bei denen ich mir früher nie etwas dachte, lassen mich heute zusammenzucken und gehören in die Sparte, die ich nie selbst in den Mund nehmen würde. Ich bin mutiger geworden, wenn es darum geht, gegen solche faschistischen, rassistischen, antisemitischen oder homophoben Kommentare aufzustehen und die Diskussion zu suchen in der es so weit geht, dass sie eben nicht mehr weiter wissen.

Und dennoch gibt es Situationen wie heute, in denen ich mir einfach nicht zu helfen weiß. Man sitzt zusammen, in gemütlicher Runde, niemand etwas ahnend und irgendwann fängt dann dieses eine Individuum an, Kommentare zu machen, deren Absicht, Herkunft und Ziel nicht zu verleugnen sind. Man steht auf, sucht die Diskussion, führt die Redner vor und dreht ihnen einen Strick aus allem, was sie weiter sagen – und dennoch hilft es alles nichts: mit einem „aber ist doch so!“ wird alles zerschlagen.

Es kann eine Person sein, die den Mut fand, den Unmut darüber zu veräußern. Und andere fielen mit ein. Es kann von vornherein die ganze Gruppe sein, die sich gegen dieses eine querdenkende Individuum stellt und dennoch wird es zu nichts führen. Selten fühlte ich eine solche Frustration wie nach so einer Diskussion, deren Ende mit einem Satz alle Bemühungen, alle nachvollziehbaren Argumentationen, jeglichen Sinn zerschlug.

Ich twitterte nachdem diese Situation gleich zweimal an einem Abend aufgekommen war, folgendes:

Stimmungslage: Ich bin leider zu klein, um mich mit antisemitischen Vollidioten zu prügeln. Verbales Duell hilft nix mehr. Kackscheiße da. 

Ein Ausdruck meiner Frustration. Den ganzen Abend über argumentierte man immer wieder, doch welchen Sinn sollte das haben? Diese beschränkten Ansichten konnte man dem Betroffenen ja doch nicht ausreden, auch wenn man es immer wieder versuchte. Immer und immer wieder schaffte er es, die komplette Diskussion mit einem verallgemeinernden, hasserfüllten und so unbegründeten Satz wieder alles zunichte zu machen.

Es war ein Kampf gegen Windmühlen. Immer wieder attackierte man und doch würde man nicht eine leiseste Chance zum Sieg haben. Doch wieder und wieder stand man auf und hielt dagegen. Weil man muss. Weil diese rassistische Kackscheiße einfach nicht zu tolerieren ist. Weil ich sie nicht tolerieren kann.

Und am Ende des Abends weiß ich nicht einmal mehr, wie oft ich „Ich kotz im Kreis“ von mir gegeben habe. Wie oft ich angerannt bin und wie oft ich dabei meine Freunde an meiner Seite wusste. Wie oft mir so schlecht vor Ekel wurde, dass ich mir doch wünschte, einmal Raucher zu sein und nach draußen verschwinden zu können.

Ich frage mich dann, wie ich jemanden anders zur Vernunft bringen kann. Aber ich bin leider zu klein um mich mit antisemitischen Vollidioten zu prügeln. Also werde ich weiter aufstehen. Ich werde weiterhin laut sein. Und ich weiß, dass ich meine Freunde in diesem Kampf an meiner Seite finden werde.

Sei bunt. Sei laut. Sei mutig.